Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.762

war, hat daher nie mit eigenen Augen Erschiessungen an der Schwarzen Wand beobachten können. Der Zeuge hat erklärt, dass er und die anderen Häftlinge es nie gewagt hätten, zu ihren Stuben zurückzuschleichen, die vielleicht nicht immer verschlossen worden seien; sie hätten nie den Versuch gewagt, die Erschiessungen zu beobachten. Nach der Aussage des Zeugen Wl., der einige Zeit als Schreiber auf Block 11 tätig gewesen ist, war es streng verboten, den Erschiessungen aus dem Block 11 heraus zuzusehen. Es war gefährlich, Exekutionen an der Schwarzen Wand aus den Fenstern des Blockes 11 zu beobachten. Es erscheint daher wenig glaubhaft, dass der Zeuge Ol. es gewagt haben sollte, sich am Fenster während einer Exekution zu zeigen.

 

Unwahrscheinlich ist auch, dass der Angeklagte Boger die Exekution allein durchgeführt haben soll. Nach der Aussage des Zeugen Ol. sollen 30-50 Häftlinge im Kommando "Union" gewesen sein. Bei einer solchen Anzahl hätte man die Exekution schon aus Sicherheitsgründen nicht durch einen einzigen SS-Mann durchführen lassen.

Vor allem aber spricht gegen die Schilderung des Zeugen, dass im Oktober oder November 1944 nach den auf Grund der Beweisaufnahme getroffenen Feststellungen überhaupt keine Exekutionen mehr im Hof zwischen Block 10 und 11 durchgeführt worden sind. Wie bereits bei der Erörterung der Straftaten des Angeklagten Dylewski ausgeführt worden ist (3. Abschnitt E.III.3.) wurde die Schwarze Wand nach der glaubhaften Bekundung des Zeugen Pi. nach dem Kommandantenwechsel im November 1943 abgerissen, die Erschiessungen auf Block 11 hörten auf. Der Zeuge Sm. hat dies bestätigt. Er hat ausgesagt, dass ab Februar 1944 keine Erschiessungen mehr auf dem Hof zwischen Block 10 und 11 stattgefunden hätten. Von diesem Zeitpunkt an seien Erschiessungen nur noch an der Sauna in Birkenau durchgeführt worden.

 

Schliesslich weicht die Schilderung des Zeugen Ol., die er in der Hauptverhandlung über die Exekution der Angehörigen des Kommandos "Union" gegeben hat, erheblich ab von der Schilderung des Zeugen über die gleiche Exekution, die er im Ermittlungsverfahren in einem Bericht an das internationale Auschwitzkomitee gegeben hat. In diesem Bericht schildert der Zeuge die Exekution wie folgt:

"Noch schlimmer wütete er (Boger) etwa Mitte 1944 im Kommando "Union". Als dort Häftlinge infolge körperlicher Erschöpfung nicht mehr arbeiten konnten, hat es Boger übernommen, diese als Saboteure zu liquidieren. 46 völlig heruntergekommene Häftlinge wurden auf Befehl Bogers auf Block 11 (Bunker) gebracht. Dort sagte er: "So ihr Hunde, nun wisst Ihr, was es heisst, sich aufzulehnen", griff zu seiner Dienstpistole und mordete sie durch Genickschüsse, nachdem er sie vorher mit dem Gesicht zur Wand gestellt hatte ...".

 

Früher will der Zeuge also gehört haben, was der Angeklagte Boger zu den Opfern gesprochen hat. In der Hauptverhandlung hat er ausgesagt, er habe nicht hören können, was Boger zu den Delinquenten gesagt habe. Nach dem früheren Bericht des Zeugen soll der Angeklagte Boger die Häftlinge mit der Dienstpistole erschossen haben. In der Hauptverhandlung hat der Zeuge behauptet, dass Boger die Häftlinge mit dem Kleinkalibergewehr erschossen habe. In der Hauptverhandlung hat der Zeuge zunächst die Exekution so geschildert, als ob er die Erschiessung mehrerer Opfer gesehen habe. Später hat er auf Befragen erklärt, dass er mit eigenen Augen nur die Erschiessung eines jüdischen Häftlings gesehen habe. Diese Widersprüche und die aufgezeigten Unwahrscheinlichkeiten müssen schwere Bedenken gegen die Glaubwürdigkeit des Zeugen aufkommen lassen und führen zu der Überzeugung, dass der Zeuge die Exekution der Angehörigen des Kommandos "Union" überhaupt nicht mitangesehen sondern seine angeblichen Beobachtungen erfunden hat.

Seiner Aussage konnte daher insgesamt kein Beweiswert zuerkannt werden.

Das Schwurgericht konnte daher auf seine Behauptung, er habe den Angeklagten Mulka öfters auf den Block 11 gehen sehen, keine Feststellungen stützen.

 

Der Zeuge Gl. will den Angeklagten Mulka bei Exekutionen an der Schwarzen Wand gesehen haben. Er hat erklärt, dass auch der Adjutant des Lagerkommandanten namens "Molko" oder "Moltke" den Erschiessungen beigewohnt habe. Der Adjutant sei eine bekannte