Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.755

Angeklagte Dr. Sc. nach der Ankündigung von RSHA-Transporten, wenn er zum Rampendienst eingeteilt war, auch zur Rampe hinbegeben hat, der sichere Schluss gezogen werden kann, dass er auch die angekommenen jüdischen Menschen selektiert hat. Das Gericht konnte, obwohl dieser Schluss sehr nahe liegt, nicht die erforderliche sichere Überzeugung gewinnen, dass dieser Schluss unbedingt richtig ist.

Der Angeklagte Dr. Sc. war weder ein überzeugter Nationalsozialist noch ein soldatischer Typ. Er hat sich - unwiderlegt - nicht freiwillig zur Waffen-SS gemeldet, sondern ist zum Dienst im KL Auschwitz befohlen worden, nachdem er bis zum Jahre 1944 Dienst in der Wehrmacht verrichtet hatte. Nach dem Eindruck, den das Gericht in der Hauptverhandlung von ihm gewonnen hat, verkörperte er in der SS nicht den Typ eines befehlsgewohnten energischen Vorgesetzten, der auf seine SS-Kameraden in irgend einer Weise hätte Eindruck machen können. Seine Tätigkeit im KL Auschwitz erschöpfte sich - abgesehen davon, dass er zum Rampendienst eingeteilt worden ist - ausschliesslich in der zahnärztlichen Behandlung des SS-Personals, das zum KL Auschwitz gehörte. Es erscheint durchaus möglich, dass man ihn im Kreise der SS-Führer und SS-Ärzte nicht für "voll" nahm. Da nicht mit Sicherheit festgestellt werden konnte, dass er nur allein zum Rampendienst eingeteilt worden ist, sondern die Möglichkeit offen bleiben muss, dass neben ihm noch ein anderer SS-Arzt oder der Angeklagte Dr. Frank zum Rampendienst eingeteilt worden war, besteht immerhin die - wenn auch geringe - Möglichkeit, dass der andere SS-Arzt oder der Angeklagte Dr. Frank für ihn den Selektionsdienst mitübernommen hat. Der Zeuge Ros. hat bekundet, dass er einmal den Dr. Sc. auf der Rampe gesehen habe, als auch der Dr. Frank dort gewesen sei. Beide müssen daher gleichzeitig Selektionsdienst gehabt haben. Selektiert hat nach der Beobachtung des Zeugen Ros. jedoch nur der Angeklagte Dr. Frank. Auch sonst hat der Zeuge Ros. manchmal zwei Ärzte und manchmal nur einen Arzt und den Lagerführer auf der Rampe gesehen. Das beweist, dass nicht immer nur ein einziger ärztlicher "Selekteur" Rampendienst versehen hat. Möglich ist auch, dass sich ein Schutzhaftlagerführer oder der Arbeitseinsatzführer bereit gefunden hat, für den Angeklagten Dr. Sc., weil sie ihn möglicherweise nicht für "voll" nahmen, zu selektieren, wenn er sich unter dem Vorwand, zahnärztliches Material sicher stellen zu müssen, vom Selektionsdienst "gedrückt" hat. Es kann nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden, dass man ihn im Hinblick auf seine Persönlichkeit stillschweigend seine Wege gehen liess.

 

Zu prüfen war ferner noch, ob der Angeklagte Dr. Sc. mit RSHA-Transporten zu den Gaskammern gegangen ist und dort als Arzt das Einschütten des Zyklon B bzw. den gesamten Vergasungsvorgang überwacht hat. Auch das konnte ihm nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden.

Der Angeklagte selbst bestreitet entschieden, jemals mit zu den Gaskammern gegangen oder RSHA-Transporte zu den Gaskammern begleitet zu haben. Die Gaskammern habe er - so hat er sich eingelassen - nie gesehen. In seiner Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter hat der Angeklagte Dr. Sc. allerdings eine etwas andere Darstellung gegeben. Wie sich aus dem Protokoll vom 2.11.1961 über seine richterliche Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter, das gemäss §254 StPO verlesen worden ist, ergibt, hat der Angeklagte damals erklärt, er habe Häftlinge, die für die Gaskammer ausgesucht gewesen seien, auf dem Weg in das Krematorium über eine gewisse Strecke hin begleitet. Als ihm dies nach der Verlesung des Protokolls vorgehalten worden ist, hat der Angeklagte erklärt, er wolle nicht bestreiten, dass er das damals so gesagt habe. Er habe jedoch mit dieser Einlassung nicht das zum Ausdruck bringen wollen, wie es heute ausgelegt werde. Er habe nie einen Transport als verantwortlicher Führer zu den Gaskammern begleitet. Die Begleitung der Transporte sei Aufgabe der Wachmannschaft gewesen, die die für den Tod bestimmten Menschen zu den Gaskammern geführt hätte. Er selbst sei nur auf der Rampe hin- und hergegangen, um nicht aufzufallen und sei dabei zwangsläufig auch schon einmal ein Stück neben den Marschkolonnen hergegangen, die zu den Krematorien geführt worden seien. Eine "Begleitung" dieser Menschen sei das jedoch nicht gewesen. Ihm sei damals bei der Vernehmung durch den Untersuchungsrichter der Unterschied zwischen einer "Begleitung" eines RSHA-Transportes und dem blossen Mitlaufen in der Absicht, nicht aufzufallen, nicht klar gewesen. Sonst hätte er sich anders ausgedrückt.