Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.753

infanteristische Ausbildung. Danach wurde sie zur Bewachung von Pioniergerät eingesetzt. Dann wurde sie wieder nach Hannover zurückverlegt. Der Angeklagte war bei dem Landesschützenbataillon als Kraftfahrer und Kurier eingesetzt. Er war im Mai 1940 zum Obersoldaten und im Jahre 1941 zum Gefreiten und im Jahre 1942 zum Obergefreiten befördert worden. Ende 1942 wurde der Angeklagte nach Bückeburg zu einer Sanitätseinheit versetzt. Anfang 1943 kam er als Sanitätsobergefreiter zur Heereszahnstation nach Hannover. Hier arbeitete er als Zahnarzt und wurde bald zum Unteroffizier und Feldwebel befördert.

 

Im Sommer 1943 wurde der Angeklagte zur Waffen-SS abkommandiert. Wie er angibt, hat er bei seinem Chef, weil er angeblich aus innerster Überzeugung nicht zur Waffen-SS gewollt habe, gegen die Versetzung zur SS Gegenvorstellungen erhoben. Das sei jedoch - so gibt der Angeklagte an - erfolglos gewesen. Der Chef habe ihm sogar, als er zum zweiten Mal Einwendungen gegen die Abkommandierung zur SS erhoben habe, erklärt, sein Verhalten könne als Befehlsverweigerung aufgefasst werden.

Der Angeklagte kam zunächst zur SS-Kommandantur - Zahnstation - in Berlin-Oranienburg. Dann nahm er im Herbst 1943 an einem Sanitätskursus in Graz teil. Er trug während des Lehrganges noch Wehrmachtsuniform. Alsbald wurde er zum Unterarzt befördert. In Graz will der Angeklagte Redensarten gegen das Regime geführt haben. Angeblich sei er deswegen auch verwarnt worden. Von Graz kam der Angeklagte wieder nach Oranienburg zurück. Dann wurde er am 30.1.1944 zur Kommandantur des KZ Auschwitz versetzt. Er trug noch immer Wehrmachtsuniform. Er sei auch - so behauptet er - als Wehrmachtsunterarzt nach Auschwitz gekommen. Erst später habe er Uniform und Rangabzeichen gegen Uniform und Rangabzeichen eines SS-Oberscharführers eintauschen müssen. Zum SS-Untersturmführer sei er erst im Spätsommer 1944 befördert worden.

Im KL Auschwitz war der Angeklagte vom 30.1.1944 bis zum Herbst 1944 zweiter Lagerzahnarzt. Er hatte die SS-Wachmannschaften und die deutschen Zivilisten als Zahnarzt zu behandeln. Sein Vorgesetzter war der Angeklagte Dr. Frank.

 

Nach der bereits mehrfach erwähnten Besprechung beim Standortarzt Dr. Wirths wurde auch der Angeklagte Dr. Sc. wiederholt zum sog. ärztlichen Rampendienst eingeteilt. Er gibt zwar an - ebenso wie der Angeklagte Dr. Frank - er sei nur als "Hilfsselekteur" d.h. als Ersatzmann für den Fall, dass der eingeteilte SS-Arzt aus irgend einem Grund nicht den Rampendienst machen könne, eingeteilt worden. Diese Einlassung ist jedoch unglaubhaft. Es kann insoweit auf die Ausführungen im 3. Abschnitt unter M.III. Bezug genommen werden. Der Angeklagte Dr. Sc. ist, wenn er zum Rampendienst eingeteilt war, nach der Ankunft von RSHA-Transporten auch zur Rampe gefahren. Das gibt er selbst zu. Auch das spricht dagegen, dass er nur als Ersatzmann neben einem SS-Arzt eingeteilt worden ist. Denn wenn er tatsächlich nur Ersatzmann gewesen wäre, so hätte er sich nur dann zur Rampe zu begeben brauchen, wenn der eingeteilte SS-Arzt aus irgendeinem Grund an der Wahrnehmung des Rampendienstes verhindert gewesen wäre.

Die Zeugen Lil. und Rad., die glaubhaft bekundet haben, dass der Angeklagte Dr. Sc. ebenfalls auf dem Dienstplan der SS-Ärzte gestanden habe, haben nichts davon gewusst, dass er nur als "Ersatzmann" eingeteilt gewesen sei.

Somit steht fest, dass der Angeklagte Dr. Sc. zum Rampendienst - ebenso wie die anderen SS-Ärzte, wie der Angeklagte Dr. Frank und wie der Apotheker Dr. Capesius - eingeteilt worden ist und dass er sich auf Grund dieser Einteilung nach der Ankündigung von RSHA-Transporten zur Rampe begeben hat.

Es besteht auch der erhebliche Verdacht, dass der Angeklagte Dr. Sc., wenn er auf Grund der Diensteinteilung Rampendienst zu verrichten und sich aus diesem Grunde auf die Rampe von Birkenau zu begeben hatte, sich ebenso wie die anderen SS-Ärzte an den Selektionen beteiligt hat, d.h. darüber bestimmt hat, wer von den angekommenen jüdischen Menschen in das Lager aufgenommen werden solle und wer in den Gaskammern zu töten sei.

 

Der Angeklagte Dr. Sc. hat mit Entschiedenheit in Abrede gestellt, jemals selektiert zu haben. Er hat sich dahin eingelassen, dass es ihm stets gelungen sei, sich von dem Selektionsdienst