Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.751

gesehen werden. Im günstigsten Fall kann man vom Innern des Blockes 27 aus nur den oberen Rand der Fenster im Erdgeschoss des Blockes 11 erkennen. Die Ortsbesichtigung hat ferner ergeben, dass im Block 27 überhaupt kein Giebelfenster vorhanden ist. Der Zeuge Sm., der selbst als Häftling im Stammlager war, hat bekundet, dass im Block 27 niemals ein Giebelfenster gewesen sei. Er hat ferner ausgesagt, dass sich die Mauer vor dem Hof zwischen Block 10 und 11 seit 1941 nicht verändert habe, sie sei immer gleich hoch geblieben. Die Höhe des Blockes 21 spielt überhaupt keine Rolle. Denn - wie ebenfalls die Ortsbesichtigung ergeben hat - man sieht aus dem Block 27 an dem Block 21 vorbei, wenn man in Richtung Block 11 schaut. Trotzdem ist es nicht möglich, über die Mauer vor dem Hof zwischen dem Block 10 und 11 hinwegzusehen. Der Zeuge Petz. muss daher die Schilderung der angeblichen Vorgänge in dem Hof zwischen Block 10 und 11 erfunden haben. Auf seine Aussage konnten daher keine Feststellungen gestützt werden.

 

Ausser dem Zeugen Petz. hat noch der Zeuge Mot. den Angeklagten belastet. Dieser Zeuge hat zwar nicht behauptet, selbst den Angeklagten beim Hantieren mit Zyklon B oder sogar beim Einwerfen dieses Giftgases in den Keller des Blockes 11 gesehen zu haben. Er will aber dabei gewesen sein, wie am Tag und nicht nach Eintritt der Dunkelheit die SS-Angehörigen Grabner, Lachmann, Dylewski, St., Stiebitz, Hössler und Palitzsch auf die Bekleidungskammer zu dem Angeklagten B. gekommen seien, nachdem etwa 100 bis 200 sowjetrussische Kriegsgefangene morgens und 150 bis 200 Kranke aus dem HKB in den Block 11 gebracht worden seien. B. habe dann, so hat der Zeuge weiter ausgesagt, zwei bis drei Dosen genommen, habe zwei Dosen noch einem anderen SS-Mann gegeben und habe sich dann mit den genannten SS-Angehörigen zu dem Block 11 begeben. Nach einer Stunde sei B. wieder zurückgekommen. Er sei ärgerlich gewesen, weil irgend etwas nicht geklappt habe. Am nächsten Tag sei dann noch eine zusätzliche Vergasung gewesen, weil die erste Vergasung nicht geklappt habe. Ein bis zwei Tage später hätten dann die Leichenträger auf Rollwagen die Leichen abtransportiert. Schon kurz vor dieser ersten Vergasung im Block 11 habe der Angeklagte B. den ersten Versuch gemacht, schmutzige Wäsche mit Zyklon B zu entwesen. Dieser Versuch hätte in der Bekleidungskammer stattgefunden. Sie - die Häftlinge - hätten die Ritzen der Fenster und Türen zukleben müssen. B. habe dann auf die schmutzige Wäsche unter dem Schutz einer Gasmaske Zyklon B gestreut. Am nächsten Tage habe B. dann die Türen und Fenster wieder geöffnet. Zu seinem Stellvertreter habe er zufrieden gesagt: "Jetzt haben wir endlich das Mittel nicht nur zur Desinfektion der Wäsche, sondern auch zur Vernichtung der Häftlinge."

 

Auch der Zeuge Mot. ist unglaubwürdig. Abgesehen davon, dass seine Aussage mehrere Unwahrscheinlichkeiten enthält, hat er - wie bereits bei der Erörterung der Straftaten des Angeklagten Dylewski ausgeführt worden ist - den Angeklagten St. nachweislich zu Unrecht belastet. Das Gericht hat daher bereits seinen Bekundungen zum Nachteil des Angeklagten Dylewski keinen Glauben geschenkt. Auch hier besteht der Verdacht, dass der Zeuge ebenso wie bezüglich des Angeklagten St. die Dinge, die er geschildert hat, erfunden oder aus Gerüchten und Erzählungen anderer während oder nach der Lagerzeit sich selbst zusammengereimt hat.

Das Gericht hat daher auf seine Aussage keine sicheren Feststellungen stützen können.

 

Schliesslich hat noch der Zeuge Schl., der zunächst im Range eines SS-Sturmmannes und zuletzt nach mehreren Beförderungen als SS-Oberscharführer als Sachbearbeiter für die Bekleidung der SS-Angehörigen und Häftlinge im KL Auschwitz war, bekundet, er habe von der ersten Vergasung in dem Stammlager gehört. Diese müsse in einer Nacht vom Samstag auf Sonntag gewesen sein. Denn sie - die SS-Angehörigen - hätten an einem Sonntag zu einem Fussballspiel irgendwohin fahren wollen. Da habe es geheissen, dass in der Nacht zuvor russische Kriegsgefangene vergast worden seien. Bei diesen Erzählungen sei auch der Name B. gefallen. Andere Namen habe er im Zusammenhang mit dieser ersten Vergasung nicht gehört.

Auch diese Aussage reicht zu einer Verurteilung des Angeklagten B. nicht aus. Der Zeuge hat bei seiner früheren Aussage im Ermittlungsverfahren, was ihm in der Hauptverhandlung von dem Verteidiger des Angeklagten B. vorgehalten und von dem Zeugen