Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.750

geleert und die Fenster und Türen des sog. Arrestbunkers abgedichtet. Dann wurden einige hundert russische Kriegsgefangene und Kranke aus dem HKB, die nicht mehr nützlich erschienen, in die Arrestzellen und den Keller hineingeführt, dort auf engstem Raum zusammengepfercht und eingeschlossen. Dann wurde durch Öffnungen Zyklon B in die abgedichteten Räume hineingeworfen. Die sich entwickelnden Gase töteten die im Bunker eingeschlossenen Menschen.

Der Angeklagte B. bestreitet, dass er - wie ihm zur Last gelegt wird - das Zyklon B eingeworfen habe. Er hat sich dahin eingelassen, dass er nie an Vergasungen von Menschen teilgenommen habe. Er wisse überhaupt nicht, ob im Herbst (Oktober) 1941 Menschen im Block 11 vergast worden seien. Erst später habe er davon erfahren, dass in Auschwitz Menschen vergast würden. Das habe sich herumgesprochen.

 

Wenn auch ein erheblicher Verdacht besteht, dass man damals den Angeklagten B., der als Angehöriger des Entwesungskommandos einen Lehrgang über den Umgang mit Zyklon B absolviert hatte, zu dieser Vergasung herangezogen hat, konnte die Beweisaufnahme nicht den sicheren Beweis erbringen, dass der Angeklagte B. tatsächlich an dieser ersten Vergasung beteiligt war. Ausser dem Zeugen Petz. hat kein Zeuge bekundet, dass er den Angeklagten B. bei dieser ersten Vergasung gesehen habe. Der Zeuge Petz. will den Angeklagten B. dabei beobachtet haben, wie er unter dem Schutz einer Gasmaske an der Luke des Kellergeschosses des Blockes 11 herumhantiert habe.

Der Zeuge Petz. ist jedoch unglaubwürdig. Im einzelnen hat der Zeuge seine Beobachtungen wie folgt geschildert:

 

Im September oder Oktober 1941 sei eines Morgens der Bunker im Block 11 von Arrestanten geleert worden. Dann seien Häftlinge aus dem HKB, die nur mit Hemd und Unterhose bekleidet gewesen seien, in dem Bunker geführt worden. Abends sei strenge Blocksperre angeordnet worden. Etwa gegen 21 Uhr oder 21.30 Uhr seien ca. 850 russische Kriegsgefangene in den Bunker gebracht worden. Man habe sie auf der Lagerstrasse, die beleuchtet gewesen sei, in das Lager hereingetrieben, dann in den Hof zwischen Block 10 und 11 geführt und von dort durch den Mittelgang in den Block 11 und den Bunker hineingeprügelt. Er habe das von dem Giebelfenster des Blockes 27 aus, in dem die Bekleidungskammer untergebracht war, beobachtet. Zwischen dem Block 27 und dem Hof zwischen Block 10 und 11 sei noch der Block 21 gewesen. Dieser sei damals noch nicht aufgestockt gewesen. Daher habe er von dem Giebelfenster aus gut in den Hof zwischen Block 10 und 11 hineinsehen können. Über der Tür, durch die die Kriegsgefangenen in den Block 11 hineingeprügelt worden seien, habe eine Glühbirne gebrannt. Er habe dann zwei SS-Männer gesehen, die sich mit dem Gas beschäftigt hätten. Der eine der beiden sei der Angeklagte B. gewesen. Er habe ihn bestimmt im Hof gesehen. Er sei der erste Mann gewesen, den die Firma Tesch und Stabenow im Umgang mit Zyklon B ausgebildet habe. Er habe den Angeklagten B. aus einer Entfernung von ca. 60 m gesehen. Er habe ihn klar erkannt und zwar nicht nur an seiner Gestalt und seinen Bewegungen, sondern auch an den Dingen, die er durch den täglichen Umgang mit dem Angeklagten B. gekannt habe. B. sei schon mit der Gasmaske in das Lager gekommen. Er - der Zeuge - habe allerdings nicht gesehen, wie er die Gasmaske aufgesetzt habe. Er wisse nur, dass er - der Angeklagte - sich an der Einwurfluke beschäftigt habe. Die beiden SS-Männer seien zu dem Keller hingegangen und er - der Zeuge - habe gesehen, wie der Angeklagte B. dort herumhantiert habe. Ob er auch Gas eingeworfen habe, das könne er nicht sagen. Jedenfalls habe der Angeklagte eine Gasmaske aufgehabt. Unter dem Schutz der Gasmaske habe er ebenso wie der andere SS-Mann an der Luke herumhantiert.

 

Die Behauptung des Zeugen, er habe die Vorgänge auf dem Hof zwischen Block 10 und 11 von dem Giebelfenster des Blockes 27 aus beobachtet, kann nicht der Wahrheit entsprechen. Denn vom Block 27 aus war der Hof zwischen Block 10 und 11 überhaupt nicht einzusehen. Die durch den beauftragten Richter durchgeführte Ortsbesichtigung auf dem früheren Lagergelände des KL Auschwitz hat ergeben, dass von keinem der im Block 27 vorhandenen Fenster aus wegen der vor dem Hof zwischen Block 10 und 11 befindlichen Mauer der Hof selbst einzusehen ist. Auch die Kellerfenster und die Treppe, die zu dem Mitteleingang des Blockes 11 führt, können vom Block 27 aus nicht