Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.749

2. Der Schuldvorwurf gegen den Angeklagten B.

 

Dem Angeklagten B. wird zur Last gelegt, im Oktober 1941 als SS-Rottenführer und Desinfektor bei der ersten Vergasung von Menschen im KL Auschwitz, die im Keller des Blockes 11 durchgeführt worden sei, das Zyklon B in die Kellerräume eingeworfen zu haben, so dass etwa 850 sowjetrussische Kriegsgefangene und etwa 220 kranke Häftlinge aus dem HKB des Stammlagers getötet worden seien.

Hierzu hat das Gericht auf Grund der Einlassung des Angeklagten B., soweit ihr gefolgt werden konnte, und der Aussagen der Zeugen Dr. Gl. und Stor., der Niederschrift des Angeklagten Broad im Jahre 1945 (sog. Broad-Bericht) und den Aufzeichnungen des früheren Lagerkommandanten Höss folgendes festgestellt:

 

Der Angeklagte B. ist am 31.7.1910 als ältester Sohn eines Kellners in Lemberg/Polen geboren. Er hat noch drei Schwestern und einen Bruder. Er besuchte in Lemberg die deutsche Volksschule und anschliessend das deutsche humanistische Gymnasium, an dem er im Jahre 1931 die Reifeprüfung bestand. Danach studierte er an der Universität in Lemberg Rechtswissenschaft. Im Herbst 1936 schloss er sein Studium mit dem "Magister Juris" ab, was etwa dem Referendarexamen entspricht. Während seines Studiums wurde er Mitglied der "Jungdeutschen Partei". Er gehörte dieser Partei zwei Jahre an. Nach Abschluss seines Studiums war er in verschiedenen Firmen als kaufmännischer Angestellter tätig. Er übersetzte vornehmlich deutsche Schriftstücke ins Polnische. Von Juni 1939 an arbeitete er als Rechtsberater im "Wirtschaftsverband technischer Berufe" in Bromberg.

Am 1.9.1939 wurde er von der polnischen Polizei verhaftet. Ein Grund für die Verhaftung wurde ihm nicht angegeben. Er war bis zum 3.9.1939 in Bromberg in Haft. Dann wurden er und die mit ihm inhaftierten Deutschen zu Fuss nach Osten in Marsch gesetzt. Nach einem sechstägigen Fussmarsch kamen sie nach Lowitsch. Dort wurden sie von deutschen Truppen am 9.9.1939 befreit. Am 17.9.1939 kehrte der Angeklagte nach Bromberg zurück. Er trat dem sog. Selbstschutz bei und nahm eine Tätigkeit bei der Industrie- und Handelskammer als Referent für Binnenschiffahrt und Hilfsgewerbe auf.

 

Am 21.11.1939 wurde der Angeklagte zur Waffen-SS eingezogen. Als Grund für seinen Eintritt in den Selbstschutz und in die SS gibt der Angeklagte an, dass man damals den Deutschen in Bromberg gesagt habe, sie müssten sich zu ihrer eigenen Sicherheit zum Selbstschutz melden. Beim Selbstschutz wiederum habe man ihm klargemacht, dass er sich zu einem militärischen Lehrgang melden müsse. Das habe er auch getan. Daraufhin habe er den Befehl erhalten, sich am 21.11.1939 an einer bestimmten Stelle zu melden. Die Meldestelle sei eine SS-Einheit gewesen. Das habe er vorher nicht gewusst. Der Angeklagte wurde in Warschau, Buchenwald und dann wieder in Warschau militärisch ausgebildet. Im Mai 1940 wurde er in das KL Auschwitz abkommandiert. Er wurde zunächst als Schreiber eingesetzt. Dann kam er im August 1940 auf die Bekleidungskammer als Kammerwart. Im Sommer 1941 nahm er an einem Lehrgang im Umgang mit Zyklon B teil. Mit diesem Gas wurden nämlich die Unterkünfte der SS-Truppe und der Häftlingslager entwest. Die Unterweisung im Umgang mit Zyklon B erfolgte in Auschwitz durch zwei Angestellte der Firma Tesch und Stabenow in Hamburg.

In der Folgezeit war dann der Angeklagte im sog. Entwesungskommando eingesetzt. Weil er - wie er angibt - das Gas nicht vertrug und magenkrank wurde, kam er von dem Entwesungskommando später wieder weg und wurde zu einem Kommando in einer Lederfabrik versetzt, wo er einige Monate tätig war. Anschliessend kam er wieder zur Schreibstube zurück. Schliesslich wurde er - im Frühjahr oder Sommer 1942 - Kammerwart in der Unterkunftskammer, wo er Unterkunftsgeräte der SS und des Häftlingslagers zu verwalten hatte. Der Angeklagte wurde in Auschwitz am 1.10.1940 zum SS-Sturmmann, am 1.7.1941 zum SS-Rottenführer und am 1.2.1943 zum SS-Unterscharführer befördert. Später wurde er in das Lager Monowitz versetzt. Dort war er wieder als Kammerwart in der Unterkunftskammer tätig.

 

Im Herbst 1941, als der Angeklagte B. in dem sog. Entwesungskommando tätig war, wurde im Keller des Blockes 11 die erste Vergasung von sowjetrussischen Kriegsgefangenen und kranken Häftlingen aus dem HKB durchgeführt. Zuvor hatte man die Arrestzellen