Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.746

im Frontlazarett behandelt. Im März 1942 erhielt er einen schweren Bauchschuss, der eine Verlegung in ein Heimatlazarett notwendig machte. Der Angeklagte kam zunächst nach Kiel und dann nach Dresden, wo er nach seiner Wiederherstellung einer Genesungskompanie zugeteilt wurde. Im November 1942 kam er mit einer SS-Totenkopfeinheit, der er als Pionier zugeteilt worden war, erneut zum Fronteinsatz und wurde nach fünf Wochen schwer verwundet. Er erhielt einen Beckenschuss mit Rückgratverletzung und einen Schuss in die linke Brustseite mit Absplitterungen in die Lunge, wodurch er frontdienstunfähig wurde. Nach längerem Aufenthalt in mehreren Lazaretten wurde er im Februar 1943 wieder einer Genesungseinheit in Dresden zugeteilt. Dort blieb er einige Wochen. Dann wurde er mit zwei weiteren SS-Angehörigen zum KL Auschwitz versetzt und der ersten Kompanie des Wachsturmbannes zugeteilt. Da seine Verwundung noch nicht restlos ausgeheilt war, wurde er nach acht Tagen von dem zuständigen Truppenarzt in das Lazarett Kattowitz eingewiesen, wo er acht Wochen blieb. Anschliessend kehrte er wieder nach Auschwitz zurück. In der Folgezeit wurde er ca. drei Wochen lang der Poststelle der ersten Kompanie und anschliessend - im Sommer 1943 - dem Standesamt, das zu der Politischen Abteilung im KL Auschwitz gehörte, zugeteilt. Im Frühjahr 1944 wurde er zum SS-Unterscharführer befördert. Die Aufgabe des Angeklagten Sch. im Standesamt war es, die Todesurkunden verstorbener Häftlinge, die von Häftlingsschreiberinnen ausgeschrieben wurden, anhand der Personalakten der Verstorbenen auf ihre Richtigkeit zu überprüfen und dem SS-Unterscharführer Kristan, der als Standesbeamter fungierte, zur Unterschrift vorzulegen. Der Angeklagte hatte ferner die Häftlingsschreiberinnen, die im Standesamt eingesetzt waren, ein- bis zweimal in der Woche von ihrer Unterkunft abzuholen und zu ihren Schreibbüros zu begleiten.

 

Bezüglich der einzelnen Schuldvorwürfe konnte nur folgendes festgestellt werden:

 

Zu a.

 

Der Angeklagte Sch. hat gelegentlich an Erschiessungen von Zivilisten im kleinen Krematorium teilgenommen.

Der Angeklagte Sch. bestreitet allerdings, jemals an Erschiessungen mitgewirkt zu haben. Er hat sich dahin eingelassen, dass er das kleine Krematorium nie betreten habe. Die Zeugin Scha., die im Standesamt die Krematoriumsbücher führte und den Angeklagten Sch. gut kannte, hat glaubhaft bekundet, dass sie wiederholt gesehen habe, dass man kleine Trupps von Leuten, die von der Gestapo eingeliefert worden seien, in das kleine Krematorium geführt habe. Der Angeklagte Sch. sei dann mit umgehängtem Gewehr in Richtung des kleinen Krematorium gegangen. Später sei er zurückgekommen mit glitzernden, blutunterlaufenen Augen. Auch der SS-Unterscharführer Kristan sei nach der Einlieferung der Menschen in das kleine Krematorium gegangen.

Die Zeugin hat zwar selbst nicht gesehen, dass der Angeklagte Sch. an Erschiessungen teilgenommen hat. Sie hat auch nichts davon gehört, Aus den von ihr geschilderten Umständen ergibt sich jedoch, dass der Angeklagte Sch. bei den Erschiessungen von Zivilisten dabeigewesen sein muss. Wenn die Zivilisten in das kleine Krematorium geführt worden sind, so kann kein Zweifel bestehen, dass sie dort getötet wurden.

Denn ein anderer Grund, warum sie in das kleine Krematorium hätten geführt werden sollen, ist nicht ersichtlich. Das kleine Krematorium ist auch - ebenso wie die Schwarze Wand - in vielen Fällen als Hinrichtungsstätte benutzt worden. In diesem Zusammenhang kann auf die Feststellungen bezüglich des Angeklagten St. verwiesen werden. Da es sich nur um kleine Gruppen von Menschen gehandelt hat, kann auch nicht angenommen werden, dass sie vergast worden sind. Denn kleine Gruppen von Menschen hat man wegen des für eine Vergasung erforderlichen Aufwandes nicht vergast. Im Jahre 1943 wurden die Vergasungen auch bereits in den neu erbauten Krematorien durchgeführt. Hätte man die Menschen vergasen wollen, hätte man sie ohne Zweifel dorthin gebracht.

 

Die Tatsache, dass der Angeklagte Sch. nach der Einlieferung der Zivilisten in das kleine Krematorium mit umgehängtem Gewehr gegangen ist, spricht auch eindeutig dafür, dass die Menschen dort erschossen worden sind. Da kein Augenzeuge den Erschiessungen