Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.745

und Roheit liegen bereits auch darin, dass er den Häftling allein deswegen auf schwere Art und Weise schlagen liess, weil bei ihm Läuse gefunden worden waren. Denn wegen der im KL Birkenau herrschenden allgemeinen Verhältnisse konnte er dem Häftling daraus keinen Vorwurf machen. Der Häftling hatte die Lagerverhältnisse, die das Gedeihen des Ungeziefers begünstigten, nicht zu vertreten. Das musste auch dem Angeklagten Bednarek, der selbst Häftling war, klar sein. Der Angeklagte Bednarek hat auch die gesamten Umstände, die das Tatbestandsmerkmal der Grausamkeit erfüllten, gekannt. Denn er war selbst dabei, wie der Häftling misshandelt wurde und rechnete damit, dass der Häftling infolge der Misshandlungen in nächster Zeit sterben könnte. Gleichwohl überliess er ihn seinem Schicksal. Ob er selbst seine Handlungsweise als grausam bewertete, spielt keine Rolle.

Damit sind die Tatbestandsmerkmale des Mordes auch in diesem Fall in objektiver und subjektiver Hinsicht erfüllt.

 

Der Angeklagte Bednarek war daher wegen Mordes in 14 Fällen (§§211, 74 StGB) zu 14mal lebenslangem Zuchthaus zu verurteilen. Dass jeder einzelne Fall als selbständige Handlung im Sinne des §74 StGB anzusehen ist, bedarf keiner näheren Begründung.

 

4. Abschnitt:

Die Schuldvorwürfe gegen die freigesprochenen Angeklagten Sch., B. und Dr. Sc.

 

1. Die Schuldvorwürfe gegen den Angeklagten Sch.

 

Dem Angeklagten Sch. wird zur Last gelegt in der Zeit von 1943 bis Ende 1944

a. in einer unbestimmten Zahl von Fällen gemeinschaftlich mit dem SS-Unterscharführer Werner Kristan Erschiessungen von Häftlingen im sog. alten Krematorium durchgeführt zu haben,

b. im Sommer 1944 mindestens einmal während der Nacht an der Rampe von Birkenau bei der Selektion ankommender Häftlingstransporte mitgewirkt zu haben, wobei zahlreiche Personen zur Vergasung ausgesondert und getötet worden sein sollen,

c. mindestens einmal bei einer Vergasungsaktion im Krematorium II tätig mitgewirkt zu haben, wobei er an Hand einer Liste die Vergasung der Häftlinge überwacht haben soll.

Das Schwurgericht hat hierzu auf Grund der Einlassung des Angeklagten Sch., soweit ihr gefolgt werden konnte und der Aussagen der Zeuginnen Scha. und Kag. folgendes festgestellt:

 

Der Angeklagte Sch. wurde am 17.12.1922 als uneheliches Kind einer Bauerntochter in ... geboren. Sein Vater, der damals als Müllergehilfe in ... 160 gearbeitet hatte, verliess ... 161 nach zwei bis drei Jahren und kümmerte sich in der Folgezeit nicht mehr um sein Kind. Der Angeklagte wuchs bei seiner Mutter auf, die auf dem Bauernhof ihrer Eltern lebte und arbeitete. Sie blieb unverheiratet. Nach dem Tod ihrer Eltern übernahm sie deren Bauernhof. Sie bewirtschaftet ihn auch heute noch.

Der Angeklagte besuchte in ... 162 sieben Jahre lang die Volksschule von 1929 bis 1936. Nach der Schulentlassung arbeitete er in der mütterlichen Landwirtschaft. Daneben besuchte er drei Jahre lang die Fortbildungsschule. Mit 15 Jahren begann er als Waldarbeiter bei dem Baron von Au. zu arbeiten. Diese Tätigkeit übte er bis zum Februar 1941 aus.

Der Angeklagte war Mitglied der HJ bis zum 18. Lebensjahr. Er glaubt, dass er anschliessend automatisch in die NSDAP übernommen worden sei.

 

Im Februar 1941 wurde der Angeklagte zur Waffen-SS eingezogen und zwar zu einer in Dresden stationierten Pioniereinheit. Er gibt an, er habe bei der HJ eine vormilitärische Ausbildung erhalten und sei eines Tages mit anderen HJ-Angehörigen durch einen SS-Offizier und SS-Arzt für die Waffen-SS ausgesucht worden. Bei der Pioniereinheit in Dresden erhielt er eine achtwöchige Ausbildung und wurde dann mit seiner Einheit nach Norwegen verlegt. Dort blieb er bis zum Kriegsausbruch mit der Sowjetunion (22.Juni 1941). Er kam dann mit seiner Einheit in Lappland zum Fronteinsatz und wurde zweimal verwundet. Wegen der ersten Verwundung (am Knie) wurde er lediglich

160 Geburts- und Wohnort des Angeklagten.

161 Geburts- und Wohnort des Angeklagten.

162 Geburts- und Wohnort des Angeklagten.