Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.733

c. Eines Tages machte der Angeklagte Bednarek wiederum "Sport" mit den Häftlingen des Siemens-Kommandos. Die Häftlinge mussten in einer Reihe antreten und auf Befehl des Angeklagten Bednarek "gymnastische Übungen" machen. Am Ende der Reihe befand sich ein namentlich nicht bekannter Häftling, der schliesslich so erschöpft war, dass er die verlangten Übungen nicht mehr mitmachen konnte. Er fiel zu Boden und war nicht mehr in der Lage, aufzustehen. Als der Angeklagte Bednarek dies sah, stürzte er sich auf ihn und trat ihn mit seinen Stiefeln, wohin er ihn gerade traf. Vor allem trat er ihn mit Wucht in die Herzgegend, auf den Brustkorb und in die Geschlechtsteile. Seine Absicht war es, den Häftling zu töten. Er hörte erst mit der Misshandlung des Häftlings auf, bis dieser tot war. Die Leiche liess er in eine Decke einwickeln und in der Nähe des Waschraumes ablegen.

 

d. Eine Woche nach diesem Vorfall hielt der Angeklagte Bednarek einen Läuseappell ab. Bei einem jüdischen Häftling namens Chaim Birnfeld, der zu dem Siemens-Kommando gehörte, fand er Läuse. Er rief daraufhin den Stubendienst herbei und befahl diesem, den Häftling zu schlagen. Der Stubendienst schlug daraufhin im Beisein des Angeklagten Bednarek mit einem Stock voller Wucht auf diesen Häftling ein. Er schlug ihn nicht nur auf das Gesäss, sondern auch auf die Wirbelsäule. Der Angeklagte Bednarek war sich bewusst und rechnete damit, dass der Häftling infolge der Schläge sterben könnte. Das nahm er jedoch in Kauf und billigte es. Nachdem der Häftling Birnfeld zusammengeschlagen war, wurde er auf sein Bett gelegt. Er hatte furchtbare Schmerzen. Er weinte und sagte zu seinen Kameraden, dass er Schmerzen an der Wirbelsäule hätte. In der Nacht jammerte und klagte er weiter. Schliesslich war er still. Am anderen Morgen stellten die Zeugen Alt. und Schwarz., die mit dem Häftling Birnfeld das gleiche Bett teilten, fest, dass er tot war. Er ist an den Folgen der durch die Schläge des Stubendienstes erlittenen Verletzungen gestorben.

 

III. Einlassung des Angeklagten Bednarek, Beweismittel, Beweiswürdigung

 

Der Angeklagte Bednarek hat entschieden in Abrede gestellt, jemals einen Häftling getötet zu haben. Er räumt allerdings ein, dass er die ihm unterstellten Häftlinge geschlagen habe, um die Disziplin im Block aufrecht zu erhalten. Zunächst habe er - so hat er sich eingelassen - Häftlinge nur mit der Hand geschlagen, wenn zwischen ihnen Streit entstanden sei oder wenn ein Häftling Brot gestohlen habe. Dieses Schlagen habe jedoch nicht immer geholfen. Jeder Häftling habe Hunger gehabt, daher sei viel Brot gestohlen worden. Viele hätten das gestohlene Brot gegen Zigaretten auf dem Schwarzen Markt im Lager verkauft. Er habe die ihm unterstellten Häftlinge darauf aufmerksam gemacht, dass jeder, der einem anderen Brot stehle, bei den kärglichen Rationen dessen Leben bedrohe. Daher habe er ihnen immer wieder schwere Strafen angedroht, wenn sie bei Brotdiebstählen erwischt würden. Als dies nichts genützt habe, habe er selbst Strafen verhängt. Er habe die Häftlinge für "Vergehen" mit vier bis sechs Stockschlägen bestraft. In seinem Block sei jedoch nie ein Häftling totgeschlagen worden. Wenn frühere Häftlinge das Gegenteil behaupteten, so sei dies unwahr. Auch als Blockältester des Blockes 11 im Lagerabschnitt B II d habe er niemals einen Häftling totgeschlagen oder totschlagen lassen.

Der Angeklagte Bednarek wird jedoch durch die Aussagen vieler Zeugen überführt, Häftlinge getötet zu haben. Im einzelnen beruhen die Feststellungen des Gerichts auf folgenden Zeugenaussagen:

 

1. Zu II.1a.

 

Der Zeuge Dr. Kl. kam im Herbst 1941 als Häftling in den Block 8A. Er blieb etwa drei bis vier Monate in dem Block. Sein Blockältester war der Angeklagte Bednarek. Der Zeuge kannte daher den Angeklagten gut. Der Zeuge hat - wie er glaubhaft bekundet hat - mit eigenen Augen gesehen, dass der Angeklagte Bednarek Häftlinge auf dem Flur des Blockes 8 mit einem Stock oder Hocker totgeschlagen hat. Der Zeuge hat sich davon überzeugen können, dass die Opfer von Leichenträgern zum Leichenkeller im Block 28 weggebracht worden sind. Es kann daher keinem Zweifel unterliegen, dass die Opfer auch tatsächlich tot waren. Der Zeuge hat auch erklärt, dass der Angeklagte