Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.732

des Kommandos, wo er nur konnte. Gleich nach ihrer Ankunft begrüsste er die Häftlinge des Siemens-Kommandos mit den Worten: "Ihr kommt hier von der Firma Siemens und glaubt, Ihr hättet Sonderrechte. Ihr seid hier in der Strafkompanie, zwar nicht als Bestrafte, Ihr müsst Euch aber in die Disziplin der Strafkompanie fügen." Nach dieser Ansprache schlug er sofort auf die Angehörigen des Siemens-Kommandos ohne Grund mit einem Stock ein. In der Folgezeit schikanierte er sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit. So duldete er nicht, dass sie sich tagsüber, wenn sie nicht zur Arbeit auszurücken brauchten, im Inneren der Baracke aufhielten. Sie mussten sich trotz der im Herbst und Winter herrschenden Kälte tagsüber im Hof aufhalten, ohne dass ihnen der Angeklagte Bednarek die Möglichkeit liess, sich aufzuwärmen. Als Grund für diese Massnahme gab der Angeklagte an, dass das Innere der Baracke sauber gehalten werden müsse. Wenn sich die Häftlinge des Siemens-Kommandos wegen der Kälte in den Waschraum begaben, um sich dort etwas aufzuwärmen, jagte sie der Angeklagte sofort wieder auf den Hof hinaus.

Häufig machte er mit ihnen "Sport". Dabei erklärte er zynisch: "Ich werde Euch schon in Form halten, ich werde Euch turnen lehren. Ihr braucht nicht zu arbeiten, ich werde Euch daher die nötige Medizin geben, damit Ihr in Form kommt und Eure Form behaltet." Dann machte er mit ihnen gymnastische Übungen. Ausserdem mussten die Häftlinge laufen, sich hinwerfen, wieder aufstehen, hüpfen usw. gleichgültig ob Wasser oder Schnee im Hof war.

An dem "Sport" mussten sich auch die Häftlinge beteiligen, die nicht zum Siemens-Kommando gehörten, aber wegen Erkrankungen im Block bleiben durften, also nicht mit den anderen zur Arbeit auszurücken brauchten. Wenn diese Häftlinge aus Erschöpfung den Sport nicht mitmachen konnten, schlug der Angeklagte Bednarek wild auf sie ein. Im übrigen schikanierte er die Angehörigen des Siemens-Kommandos ebenfalls mit Läuse- und Deckenkontrollen.

 

Der Angeklagte Bednarek begnügte sich jedoch nicht nur mit Schikanen und Misshandlungen. In folgenden Fällen tötete er auch Häftlinge.

 

a. und b.: Im Februar 1944 forderte der Angeklagte Bednarek eines Sonntags die Angehörigen des Siemens-Kommandos auf, sie sollten sich freiwillig für das jüdische Sonderkommando, dass die Leichen aus den Gaskammern herauszuschleppen und in den Verbrennungsöfen zu verbrennen hatte, melden. Er versuchte ihnen die Arbeit in diesem Kommando durch den Hinweis auf das gute Essen und den Schnaps, den die Angehörigen des Sonderkommandos erhielten, schmackhaft zu machen. Von den Angesprochenen meldete sich jedoch niemand freiwillig. Darüber war der Angeklagte Bednarek verärgert. Er machte deshalb mit ihnen "Sport". Die Häftlinge mussten sich hinwerfen, wieder aufstehen, im Liegen rollen, sich biegen, hüpfen und so weiter. Nachdem er die Häftlinge auf diese Weise eine Zeitlang schikaniert hatte, erklärte er plötzlich: "Jetzt werden wir Zirkus machen." Danach sagte er zu einem jüdischen polnischen Häftling namens Poliwodan, indem er auf einen anderen jüdischen Häftling deutete: "Schau mal, dieser stinkende Jude hat gesagt, dass Deine Mutter eine Hure sei. Gib ihm eins!" Tatsächlich hatte der betreffende Häftling jedoch nichts gesagt. Poliwodan reagierte daher auf die Aufforderung des Angeklagten Bednarek nicht. Bednarek forderte ihn erneut auf, den anderen jüdischen Häftling zu schlagen, indem er sagte: "Gib ihm eine in die Fresse!" Als sich Poliwodan immer noch nicht rührte, schlug ihn der Angeklagte Bednarek mit seinem Stock auf den Kopf. Nun schlug Poliwodan ein wenig auf den anderen jüdischen Häftling ein. Daraufhin wandte sich der Angeklagte Bednarek an diesen und sagte zu ihm: "Erlaubst Du, dass dieser Jude Dich schlägt? Gib ihm zurück!" Nun schlug der zweite Häftling etwas auf den Poliwodan. Dem Angeklagten Bednarek genügte dieses Schlagen jedoch nicht. Er schlug nun selbst auf die beiden Häftlinge mit einem Stock abwechselnd ein. Er hatte die Absicht, beide zu töten. Er schlug wahllos auf sie ein, wohin er sie gerade traf, bis beide blutüberströmt zu Boden fielen. Nun trat der Angeklagte Bednarek mit seinen Stiefeln auf sie ein und schlug sie erneut, bis beide reglos liegen blieben. Beide Häftlinge starben infolge der Misshandlung des Angeklagten Bednarek. Der Angeklagte Bednarek liess die leblosen Körper zu der Stelle im Block 11 bringen, wo die Leichen abgelegt wurden. Sie wurden später in das Krematorium gebracht.