Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.728

einem Aufräumungs- und Planierungskommando. Nach wenigen Wochen wurde er jedoch wieder als Blockältester eingesetzt. Ihm unterstanden nacheinander die Blöcke 23 und 3 im Lagerabschnitt B I b und ab Juni/Juli 1943 schliesslich der Block 11 im Lagerabschnitt B II d, in dem sich die Strafkompanie befand.

Im April oder Mai 1943 will der Angeklagte Fleckfieber gehabt haben und bis Juni/Juli 1943 im HKB gewesen sein.

Der Angeklagte blieb als Blockältester der Strafkompanie bis zur Evakuierung des Lagers im Januar 1945 eingesetzt. Auf dem Evakuierungsmarsch hatte er 30 bis 40 Kinder zu betreuen, die nach Mauthausen zu bringen waren. Wie er angibt, hat er alle Kinder wohlbehalten nach Mauthausen gebracht.

 

Im KZ Mauthausen blieb der Angeklagte bis zur Befreiung des Lagers durch amerikanische Truppen (5.5.1945). Dann wurde er mit anderen KZ-Insassen auf LKWs der amerikanischen Armee nach Regensburg gebracht und entlassen. Er begab sich zunächst nach Königshütte zu seiner Familie. Dort blieb er jedoch nicht lange. Er ging vielmehr nach Schirnding, wo er zunächst drei Monate bei einem Bauern arbeitete. Dann stellte er sich der amerikanischen Militärregierung als Treuhänder der Firma Trautwein zur Verfügung. Im Jahre 1947 gab er diese Tätigkeit wieder auf, da er sich selbständig machen wollte. Er eröffnete um die Weihnachtszeit 1947 die Bahnhofsgaststätte in Schirnding. Im Laufe der Zeit baute er einen Kiosk, den er neben dem Gaststättenbetrieb eröffnet hatte, zu einem Lebensmittelgeschäft aus. Im Juli 1959 erwarb er in Riederau am Ammersee ein Grundstück mit Pension und Lebensmittelgeschäft. Hierzu war er besonders durch einen Toto-Gewinn von 15000 DM, mit dem er einen Bausparvertrag abgeschlossen hatte, in der Lage. Wegen Personalmangels veräusserte er dieses Grundstück jedoch bald wieder und kehrte nach Schirnding zurück.

Vor seiner Verhaftung arbeitete er als Buchhalter in seinem früheren Lebensmittelgeschäft in Schirnding, das er an Frieda Th., mit der er zusammen lebte, verpachtet hatte.

Der Angeklagte hat am 1.5.1933 geheiratet. Aus der Ehe sind zwei Kinder hervorgegangen. Seine Ehefrau und seine beiden Kinder leben noch in Polen.

Der Angeklagte befindet sich seit dem 25.11.1960 in Untersuchungshaft.

 

II. Tatsächliche Feststellungen

 

1. Die Tötung von Häftlingen im Block 8A des Stammlagers durch den

Angeklagten Bednarek

(Eröffnungsbeschluss Ziffer 1)

 

Wie bereits beim Lebenslauf des Angeklagten Bednarek ausgeführt, wurde er im Sommer 1941 Blockführer des Blockes 8A, der im ersten Stock des Steingebäudes mit der Nr.8 untergebracht war. Er war damit - wie alle Blockältesten - für Ruhe, Ordnung und Sauberkeit in seinem Block der SS-Lagerführung gegenüber verantwortlich. Die SS verlangte von den Blockältesten scharfes Durchgreifen gegen die ihnen unterstellten Häftlinge. Wer zu weich erschien, musste damit rechnen, von seinem Posten abgelöst zu werden. Der Angeklagte Bednarek setzte sich gegen die ihm unterstellten Häftlinge rücksichtslos durch. Er galt unter den Häftlingen als ein sehr scharfer Vorgesetzter. Geringe "Vergehen" von Häftlingen ahndete er durch Schläge mit den Fäusten oder einem Stock. Wenn Häftlinge ihre Schlafstätte nicht richtig gemacht hatten oder eine Schüssel mit Suppe aus Unachtsamkeit zur Erde fallen liessen und den Boden beschmutzten, schrie er sie an, verfluchte sie und schlug wild auf sie ein. Besonders brutal verhielt sich der Angeklagte Bednarek bei den Appellen. Wenn Häftlinge seines Blockes zu spät zum Appell kamen, schlug er sie so lange, bis sie zu Boden fielen. Dann trat er sie noch mit den Schuhen. Die Häftlinge waren sehr häufig so zerschlagen, dass sie in den HKB gebracht werden mussten.

Im Block schikanierte der Angeklagte Bednarek die Häftlinge wegen irgendwelcher kleinen Vergehen häufig durch das sog. "Sportmachen". Er liess sie oft längere Zeit in Hockstellung hinhocken und in der Hand einen Hocker halten, bis sie vor Erschöpfung hinfielen. Dann schlug er noch auf sie ein.

Im Block schlug der Angeklagte die Häftlinge meist mit einem Stock oder einem Hocker,