Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.727

geleistet.

Die Tötung der beiden Gruppen von Menschen ist jeweils als eine selbständige Handlung im Sinne einer gleichartigen Tateinheit anzusehen. Denn die je 170 Menschen sind jeweils durch eine einzige Handlung, nämlich das Einschütten des Zyklon B getötet worden.

Auch in diesen beiden Fällen sind die Voraussetzungen eines Befehlsnotstandes nicht gegeben. Der Angeklagte Hantl behauptet selbst nicht, dass er durch den Lagerarzt Dr. Entress zu der Mitwirkung gezwungen worden sei.

 

Der Angeklagte Hantl war daher wegen gemeinschaftlicher Beihilfe zu gemeinschaftlichem Mord in mindestens zwei Fällen (§§47, 49, 211, 74 StGB) begangen jeweils in gleichartiger Tateinheit (§73 StGB) an je 170 Menschen zu verurteilen.

 

V. Strafzumessung

 

Der Angeklagte Hantl musste wegen gemeinschaftlicher Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord in 42 Fällen bestraft werden.

Folgende Umstände wurden der Bemessung der Strafen zugrunde gelegt:

Der Angeklagte ist nach seinen geringen geistigen Anlagen zu einer diffizilen Wertung besonderer Situationen nicht fähig. Er ist zufällig Mitglied der SS geworden und, ohne gefragt zu werden, zum Wachsturmbann nach Auschwitz versetzt worden und hat sich vor und nach seiner Tätigkeit in Auschwitz immer anständig geführt.

Der Angeklagte hat die ihm anbefohlenen Aufgaben nur widerwillig erfüllt, hat sich mit diesen Mordtaten nie identifiziert, seinen Abscheu dagegen vielmehr immer gezeigt. Er hat die Häftlinge ansonsten korrekt und höflich behandelt und ihnen geholfen, wo er konnte. Der Angeklagte hat es mehrfach ermöglicht, dass Funktionshäftlinge Karteikarten von durch den Arzt ausselektierten Häftlingen zurücklegten, was deren Rettung vor dem Tod bedeutete und hat weiterhin, was ihm in besonderem Masse zugute gehalten worden ist, von Anfang an ein Geständnis abgelegt. Er hat mit dem Eingestehen seiner Taten sein Gewissen erleichtert und im Gegensatz zu den meisten seiner Mitangeklagten bei aller Einfachheit seiner Denkweise zu erkennen gegeben, dass er bereit ist, für das von ihm begangene Unrecht zu sühnen.

 

Das Gericht hielt daher in jedem Falle eine Zuchthausstrafe von 3 Jahren - die Mindeststrafe - für die gerechte Strafe.

Gemäss §74 StGB ist bei Berücksichtigung der angeführten Zumessungsgründe die Gesamtstrafe mit 3 Jahren 6 Monaten Zuchthaus gebildet worden.

 

R. Die Straftaten des Angeklagten Bednarek

 

I. Der Lebenslauf des Angeklagten Bednarek

 

Der Angeklagte Bednarek ist am 20.7.1907 als Sohn eines in einer Kohlengrube beschäftigten Seilwärters in Königshütte/Oberschlesien geboren. Er hatte vier Geschwister, von denen heute drei in Polen leben. Nach dem Besuch der Volksschule arbeitete der Angeklagte in einem Kohlenbergwerk. Daneben machte er eine kaufmännische Lehre durch und besuchte eine kaufmännische Abendschule in Königshütte. 1927 oder 1928 wurde er zur polnischen Armee eingezogen. Nach Ableistung des Wehrdienstes war er zwei Jahre lang arbeitslos. Etwa im Jahre 1931 fand er Arbeit bei der Vereinigten Königs-Laura-Hütte. Bei Ausbruch des Krieges wurde der Angeklagte erneut zur polnischen Armee eingezogen. Er kam jedoch alsbald in deutsche Kriegsgefangenschaft, aus der er nach drei Tagen entlassen wurde. Nun arbeitete der Angeklagte als Buchhalter in einer Ziegelei.

Am 15.4.1940 wurde er von der Gestapo verhaftet. Ihm wurde zur Last gelegt, Mitglied einer polnischen Widerstandsbewegung zu sein. Am 7.7.1940 kam er als Häftling in das KZ Auschwitz. Er erhielt die Häftlingsnummer 1325. Zunächst wurde er als Stubendienst im Stammlager eingesetzt. Dann wurde er Blockschreiber. Im Sommer 1941 wurde er zum Blockältesten des Blockes 8A ernannt. Diese Funktion übte er bis Februar 1942 aus. Dann wurde er nach Birkenau B I b verlegt. Dort war er zunächst in