Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.724

Schliesslich hat noch der Zeuge Sau. behauptet, der Angeklagte Hantl habe auch eigenhändig Häftlinge getötet. Der Zeuge, der in Österreich lebt, konnte nicht in der Hauptverhandlung vernommen werden. Das Protokoll über seine richterliche Vernehmung vor dem Landesgericht in Wien vom 25.1.1965 wurde in der Hauptverhandlung verlesen. Das Gericht konnte sich daher kein Bild über die Glaubwürdigkeit des Zeugen machen. Der Zeuge hat bei seiner Vernehmung die sog. "Abspritzungen" so beschrieben, als wenn er selbst Augenzeuge gewesen sei. Dabei hat er behauptet, dass der Angeklagte Hantl selbst die tödlichen Injektionen gegeben hat. Dann hat er aber erklärt, dass er selbst nie Augenzeuge gewesen sei, sondern dass er es nur aus den Erzählungen der jüdischen Häftlingsgehilfen wisse. Seine Aussage beruht daher im wesentlichen nur auf den Erzählungen anderer. Ob ihm damals zutreffend berichtet worden ist, erscheint zumindest zweifelhaft. Der Zeuge will auch gesehen haben, dass der Angeklagte Hantl jeweils mit einem Köfferchen zu den Tötungsaktionen in den Block 20 gegangen sei. Das hat aber kein anderer Zeuge bestätigt. Der Angeklagte Hantl bestreitet es mit Entschiedenheit. Andererseits will der Zeuge zwar den Angeklagten Klehr im HKB gesehen haben, weiss aber nichts davon, dass der Angeklagte Klehr Phenolinjektionen gegeben hat, obwohl der Zeuge bereits im Spätherbst 1942 in den HKB gekommen ist. Nach den Aussagen vieler Zeugen, die bereits bei der Erörterung der Straftaten des Angeklagten Klehr genannt worden sind, war der Angeklagte Klehr aber mindestens noch bis Frühjahr 1943 im HKB als erster SDG tätig. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass der Zeuge Sau. den Angeklagten Hantl mit dem Angeklagten Klehr verwechselt.

 

Nach der Aussage des Zeugen Sau. soll der Angeklagte Hantl ferner im Mai oder Juni 1944 deutsche kriminelle Häftlinge durch Phenolinjektionen eigenhändig getötet haben. Zu dieser Zeit war der Angeklagte Hantl aber bereits im Nebenlager Monowitz. Der Zeuge legt die Tötung dieser Häftlinge dem Angeklagten Hantl daher offensichtlich zu Unrecht zur Last.

Schliesslich hat der Zeuge Sau. noch behauptet, der Angeklagte Hantl habe allein Häftlinge im HKB selektiert und anschliessend getötet. Auch das ist von keinem anderen Zeugen beobachtet und bestätigt worden. Es passt auch nicht in das Persönlichkeitsbild des Angeklagten, wie es von anderen Zeugen geschildert worden ist. Die Zeugen Dr. P., Rei., Glo., Ko., Fab. und Kark. haben dem Angeklagten Hantl übereinstimmend ein gutes Zeugnis ausgestellt. Der Zeuge Dr. P. hat den Angeklagten als einen ruhigen und höflichen SDG geschildert, der stets gut zu den Häftlingen gewesen sei, ihnen sogar Zigaretten gegeben habe und nie einen Häftling geschlagen habe. Er - der Zeuge Dr. P. - habe zwar im Jahre 1944 im Lager davon erfahren, dass der Angeklagte Hantl sich auch bei der Tötung von Häftlingen durch Phenolinjektionen betätigt haben solle. Er habe das damals aber schon nicht glauben wollen. Es gäbe jetzt noch ehemalige Häftlinge in Polen, die wegen des allgemeinen Verhaltens des Angeklagten im KL Auschwitz heute noch nicht glauben wollten, dass sich der Angeklagte Hantl an Tötungsaktionen beteiligt habe.

 

Der Zeuge Rei. hat ausgesagt, dass sie - die Häftlinge im HKB - den Angeklagten Hantl für einen anständigen Menschen gehalten hätten, Hantl habe sich bei ihm einmal über die Verhältnisse im KL Auschwitz beklagt. Er habe die schrecklichen Geschehnisse im KZ bedauert und habe ihm - dem Zeugen - erklärt, dass er es kaum noch ertragen könne. Auch der Zeuge Glo. hat den Angeklagten Hantl als einen höflichen und zuvorkommenden SDG bezeichnet, der nie Häftlinge geschlagen habe. Hantl habe die Häftlinge morgens, wenn er in den HKB hereingekommen sei und abends bevor er den HKB verlassen habe, sogar gegrüsst.

Die Zeugen Ko., Fab. und Kark. haben den Angeklagten Hantl als taktvoll, menschlich und als den anständigsten SS-Angehörigen im HKB beurteilt. Der Zeuge Wö. hat zugegeben, dass der Angeklagte Hantl wegen der "Abspritzungen" immer wieder "geseufzt" und gewünscht habe, dass endlich das "Abspritzen" aufhöre. Schliesslich sei noch einmal auf die Beurteilung des Zeugen Wei. hingewiesen, der den Angeklagten als einen "Engel" im Vergleich zum Angeklagten Klehr bezeichnet und bekundet hat, dass der Angeklagte Hantl den Tötungen nicht habe zusehen wollen.

All dies spricht gegen die Behauptung des Zeugen Sau., dass der Angeklagte Hantl selbst Selektionen durchgeführt und danach die von ihm ausgewählten Häftlinge eigenhändig