Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.720

er an einem Kursus im Hygienischen Institut in Berlin teilnehmen, wo er in der Durchführung von Wasseranalysen ausgebildet wurde. Nach seiner Rückkehr nach Auschwitz wurde er wieder als Sanitäter im HKB eingesetzt. Er war als Rottenführer etwa ein Jahr lang als alleiniger SDG im Lager tätig.

Im April oder Mai 1944 kam er nach Monowitz, wo er im HKB als SDG etwa 6 Monate tätig war. Dann kam er nach Jawoschno wo er die gleiche Tätigkeit ausübte. Nach der Räumung des Lagers setzte er sich zusammen mit noch anderen SS-Angehörigen ab. Aus Furcht, als Deserteur aufgegriffen zu werden, suchte und fand er jedoch wieder Anschluss an eine SS-Einheit, die einen Häftlingstransport aus dem Lager Mauthausen nach Nordhausen begleitete. Bei dieser Einheit blieb er jedoch nur drei Tage. Danach setzte er sich erneut - und zwar nach Rybnik - ab. Dort meldete er sich bei einer OT-Einheit.

 

Nach Überschreitung der Enz wurde er von amerikanischen Truppen gefangen genommen, die ihn jedoch nach drei Wochen wieder entliessen, weil er einen OT-Ausweis bei sich trug und verschwieg, dass er zur Waffen-SS gehört hatte und im KZ Auschwitz eingesetzt gewesen war.

Nach seiner Entlassung ging der Angeklagte nach Passau, dann nach Regensburg und kam schliesslich nach München-Reuth. Dort arbeitete er 4 1/2 Jahre lang in der Landwirtschaft. Schliesslich kam er nach Marktredwitz, wo er bis zu seiner Festnahme in dieser Sache bei der Firma Bencker als Weber arbeitete.

Der Angeklagte Hantl ist ledig. Er befand sich vom 26.5.1961 bis zum 19.8.1965 in dieser Sache in Untersuchungshaft.

 

II. Tatsächliche Feststellungen

 

1. Die Mitwirkung des Angeklagten Hantl bei der Tötung von kranken und schwachen Häftlingen durch Phenol

 

Der Angeklagte Hantl kam - wie bereits bei seinem Lebenslauf ausgeführt - etwa um die Weihnachtszeit 1942 als SDG in den HKB. Zu dieser Zeit war der Angeklagte Scherpe krank. Anfang 1943 trat noch ein weiterer SDG, der Unterscharführer Nierwicki, den Dienst im HKB an. Mit ihm zusammen nahm der Angeklagte Hantl wiederholt an den "Untersuchungen" von sog. Arztvorstellern im Block 28 durch den Lagerarzt Dr. Entress teil. Dabei lernte er das Verfahren kennen, durch das kranke und schwache Häftlinge zur Tötung mit Phenol ausgewählt wurden. Er selbst will bei diesen "Untersuchungen" nur untätig dabeigestanden und keine besondere Tätigkeit verrichtet haben.

 

Auf Befehl des Lagerarztes ging der Angeklagte Hantl wiederholt im Anschluss an diese "Untersuchungen", nachdem die Vorbereitungen für die Tötung der ausgewählten Häftlinge getroffen waren (Erstellung der Liste mit den Namen und Nummern der Opfer, Verbringung der Opfer in den Block 20), durch den Haupteingang in Block 20 hinein und begab sich dort auf das Zimmer Nr.1. Dort fanden sich ausserdem zwei Funktionshäftlinge ein, denen der Angeklagte Hantl das Phenol zur Tötung der Opfer aushändigte. Dann liess der Angeklagte Hantl die im Flur hinter dem Vorhang oder im grossen Waschraum des Blockes 20 wartenden nackten Häftlinge durch den Schreiber des Blockes 20 einzeln und nacheinander in das Zimmer Nr.1 hereinführen. Die Häftlinge wurden einzeln und nacheinander auf einem Schemel sitzend von dem einen der beiden Funktionshäftlinge durch Phenol auf die bereits mehrfach beschriebene Weise getötet. Der andere Funktionshäftling hielt jeweils die Opfer. Der Angeklagte Hantl führte bei diesen Tötungsaktionen jeweils die Aufsicht. Er blieb stets bis zur Beendigung der Aktion im Zimmer Nr.1. Die Leichen der Opfer wurden sofort nach der Einspritzung des Phenol in den dem Zimmer Nr.1 gegenüberliegenden Waschraum gebracht, wo sie bis zur Abholung durch Leichenträger liegen blieben.

 

Der Angeklagte Hantl hat mindestens achtmal solchen Tötungsaktionen beigewohnt und dabei die Aufsicht geführt, nachdem er den Funktionshäftlingen das für die Tötungen erforderliche Phenol ausgehändigt hatte. Bei jeder dieser Aktionen sind mindestens 5