Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.719

Morden gesträubt, hat sich weitgehend zurückgehalten, nicht mehr getan, als ihm befohlen wurde und die Häftlinge durchweg korrekt behandelt; er sass selbst einmal im Arrest wegen Verdachtes der "Häftlingsbegünstigung".

Der Angeklagte hat mehrfach seinen Vorgesetzten - wenn auch anfänglich ohne Erfolg - erklärt, er könne sich an den ihm anbefohlenen Aktionen nicht beteiligen und ist endlich Manns genug gewesen, seine Bereitwilligkeit, die ihm übertragenen Funktionen zu erfüllen, einfach aufzukündigen. Er hatte sich, obgleich seine ihm vorgesetzten SS-Ärzte alles andere als ein gutes Beispiel gaben, doch wenigstens einen Rest sittlicher Wertungsmassstäbe bewahrt, die ihn schliesslich aus der Mordmaschinerie ausbrechen liess.

Zu seinen Gunsten wurde berücksichtigt, dass er sich vor und nach dem Kriege anständig geführt hat. Andererseits hat auch Scherpe insbesondere bei den Tötungen durch Phenol immer wieder seine Dienste zur Durchführung abscheulicher Mordpläne zur Verfügung gestellt.

 

Das Gericht hat bei Abwägung dieser Umstände Strafen für gerechtfertigt gehalten, die an der unteren Grenze des Strafrahmens lagen und hatte alle Beihilfehandlungen des Angeklagten für gleich strafwürdig gehalten.

Die Mitwirkung bei der Vernichtung der 700 Typhuskranken trug mit zum Tod einer grossen Anzahl pflegebedürftiger Menschen bei, die nur deshalb eines fürchterlichen Todes sterben mussten, weil man die Ansteckung von SS-Leuten fürchtete. Diesem Erschwerungsgrund steht gegenüber, dass die Aktion ausdrücklich von der höchsten SS-Führung befohlen war und der Angeklagte nur einen geringen Tatbeitrag geleistet hat. Handelte es sich bei den Tötungen mit Phenol jeweils nur um ein Opfer, so erhält jede dieser Handlungen des Angeklagten ihr Gewicht durch die sie begleitenden makabren Umstände.

Eine Zuchthausstrafe von jeweils 3 Jahren und 3 Monaten erschien danach angemessen und die Bildung einer Gesamtstrafe von 4 Jahren und 6 Monaten Zuchthaus gerechtfertigt.

 

Q. Die Straftaten des Angeklagten Hantl

 

I. Der Lebenslauf des Angeklagten Hantl

 

Der Angeklagte Hantl ist am 14.12.1902 in Mährisch-Lotschnau als Sohn eines Tabakfabrikarbeiters geboren. Er hatte noch 4 Geschwister. Davon leben noch zwei Schwestern. Der Angeklagte besuchte in Mährisch-Lotschnau 8 Jahre die Volksschule. Von 1917 bis 1920 lernte er das Bäckerhandwerk. Nach Abschluss der Lehre arbeitete er als Hilfsarbeiter in der Textilfabrik Ettel in Zwittau. 1924 wurde er arbeitslos. Er ging nun nach Böhmen, wo er bei einem tschechischen Bauern für ein Jahr Arbeit in der Landwirtschaft fand. Danach kehrte er wieder nach Zwittau zurück, wo er in der Firma Heinrich Klinger, einer jüdischen Firma, die im Jahre 1940 von einem Deutschen übernommen wurde, als Weber arbeiten konnte.

Der Angeklagte gehörte in der Tschechoslowakei dem Deutschen Turnverband an. Nach dem Einmarsch der Deutschen Truppen (1938) wurde dieser Verband - wie der Angeklagte angibt - in die SS übernommen. So wurde der Angeklagte Mitglied der allgemeinen SS. Ausserdem trat er in die NSDAP ein. Der Angeklagte wurde am 21.1.1940 zur Waffen-SS nach Breslau einberufen. Er wurde dann bei der SS-Totenkopfstandarte Lodz als Infanterist ausgebildet.

 

Am 1.8.1940 wurde er mit weiteren 35 SS-Männern zum Wachsturmbann des KZ Auschwitz versetzt. Damals waren etwa 1700 Häftlinge mit dem Aufbau des Lagers beschäftigt. Der Angeklagte tat Dienst als Wachmann bei den Arbeitskommandos. Später hatte er ein Häftlingskommando von 7 Mann zu überwachen, das mit Aufräumungsarbeiten in der Fourierstelle und bei der Essensausgabe in der Küche beschäftigt war.

An Pfingsten 1942 wurde der Angeklagte krank. Wegen Magenbeschwerden kam er in das Lazarett nach Kattowitz. Nach dem Lazarettaufenthalt unterzog er sich noch einer Kur. Gegen Weihnachten 1942 kehrte er wieder nach Auschwitz zurück. Er kam auf Veranlassung des Standortarztes Dr. Wirths als SDG in den HKB. Alsbald musste