Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.711

den Grund der Tötungsaktionen nicht informiert gewesen sei.

 

3. Zu II.2.

 

Die Feststellungen unter II.2. beruhen auf der Einlassung des Angeklagten Scherpe, soweit ihr gefolgt werden konnte, den Aussagen der Zeugen Glo., Dr. F., Dr. P., Dr. Kl. und Woy. sowie dem Sachverständigengutachten des Sachverständigen Dr. Broszat über die nationalsozialistische Polenpolitik 158.

Auf Grund der Einlassung des Angeklagten Scherpe steht zunächst fest, dass man im Februar oder März 1943 eine Gruppe polnischer Knaben in den HKB gebracht hat. Der Angeklagte Scherpe hat angegeben, dass er eines Morgens, als er zum Dienst in den HKB gekommen sei, Kinder im Hof zwischen Block 20 und 21 habe spielen sehen. Seine Einlassung wird bestätigt durch die Bekundungen der Zeugen Woy. und Dr. Kl. Beide Zeugen haben die Kinder ebenfalls auf dem Hof zwischen Block 20 und 21 gesehen.

Der Zeuge Kl. konnte sich noch erinnern, dass irgend jemand den Kindern einen Ball besorgt habe und dass die Kinder mit dem Ball gespielt hätten. Er hat erfahren, dass die Kinder aus Zamocz stammten.

Der Angeklagte Scherpe hat das Alter der Kinder auf 10-14 Jahre geschätzt. Der Zeuge Woy. hat gemeint, dass sie zwischen 8-12 Jahre alt gewesen seien.

 

Aus der Einlassung des Angeklagten Scherpe ergibt sich weiter, dass die Kinder zum Zwecke der Tötung in den HKB gebracht worden sind. Denn der damalige Lagerarzt Dr. Rohde erklärte dem Angeklagten Scherpe - wie dieser sich weiter eingelassen hat - dass die Kinder "abgespritzt" d.h. durch Phenol getötet werden sollten. Der Angeklagte Scherpe will sich darüber sehr erregt haben und Dr. Rohde erklärt haben, er verweigere den Dienst, er mache sofort Meldung, er möchte abgelöst werden. Dr. Rohde habe daraufhin - so hat der Angeklagte Scherpe weiter ausgesagt - wortlos den HKB verlassen. Erst am Nachmittag sei er zurückgekommen und habe erklärt, es bleibe dabei, die Kinder würden getötet. Zeugen für dieses Gespräch zwischen Dr. Rohde und dem Angeklagten Scherpe sind nicht vorhanden. Die Angaben des Angeklagten Scherpe scheinen jedoch insoweit glaubhaft. Denn nach der Aussage des Zeugen Dr. Kl. sind die Kinder erst am Nachmittag in Block 20 geführt worden. Das spricht für die Einlassung des Angeklagten Scherpe. Denn die Tatsache, dass die Kinder erst am Nachmittag in den Block 20 gebracht worden sind, obwohl sie bereits morgens auf dem Hof zwischen Block 20 und 21 gespielt haben, deutet darauf hin, dass am Vormittag irgend ein Ereignis die Verbringung der Kinder in den Block 20 verzögert haben muss. Normalerweise gab der Lagerarzt bereits am Vormittag zwischen 8 und 9.00 Uhr seine Anweisungen. Das Gericht hat daher dem Angeklagten Scherpe insoweit geglaubt.

Fest steht weiter auf Grund der Einlassung des Angeklagten Scherpe, dass ein Teil der Kinder am Nachmittag des betreffenden Tages auch tatsächlich im Zimmer Nr.1 des Blockes 20 durch Phenolinjektionen getötet worden ist. Denn der Angeklagte Scherpe hat eingeräumt, dass die Kinder im Zimmer Nr.1 des Blockes 20 durch Phenolinjektionen getötet worden seien.

Schwierig war es nur, Klarheit über die Durchführung der Aktionen selbst und die Anzahl der getöteten Kinder zu erlangen.

 

Der Angeklagte Scherpe hat sich dahin eingelassen, dass die Kinder in Anwesenheit des Dr. Rohde und in seinem Beisein durch Funktionshäftlinge nacheinander durch Phenolinjektionen umgebracht worden seien. Er - der Angeklagte - habe den Funktionshäftlingen die Flasche mit Phenol ausgehändigt. Im übrigen habe er nichts getan. Er habe sich an einen Tisch am Fenster gesetzt und gar nicht hingeschaut, als die Kinder getötet worden seien.

Insoweit ist die Einlassung des Angeklagten Scherpe nicht glaubhaft. Zunächst glaubt das Schwurgericht dem Angeklagten nicht, dass der Lagerarzt Dr. Rohde der Tötungsaktion beigewohnt hat. Denn bei seiner früheren Vernehmung im Ermittlungsverfahren hat der Angeklagte Scherpe, was ihm in der Hauptverhandlung vorgehalten worden ist und was er als zutreffend bestätigt hat, nichts davon erwähnt, dass der Lagerarzt Dr. Rohde bei dieser Aktion dabeigewesen sei. Nach Auffassung des Schwurgerichts hätte er einen so wichtigen Umstand, der - aus seiner Sicht gesehen - entscheidend zu seiner

158 Vgl. Martin Broszat, Nationalsozialistische Polenpolitik 1939-1945, Fischer Bücherei Frankfurt/Main, 1965.