Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.708

dass der Angeklagte Scherpe zu dieser Kommission, die nackte Häftlinge für die Tötung ausgesucht hätte, gehört habe.

Es erscheint jedoch unwahrscheinlich, dass der Angeklagte Scherpe bei dieser Selektion dabei gewesen ist. Denn es konnte nicht festgestellt werden, dass er bereits im Februar 1942 in den HKB gekommen ist. Das Schwurgericht konnte sich auch nicht davon überzeugen, dass die beiden Zeugen damals den Angeklagten Scherpe gekannt haben. Der Zeuge Mi. hat den Angeklagten Scherpe als einen kleinen Mann geschildert, der kleiner als Klehr und von gedrungener Gestalt gewesen sei. Tatsächlich ist der Angeklagte Scherpe jedoch grösser als der Angeklagte Klehr und nicht von gedrungener Gestalt. In der Hauptverhandlung hat der Zeuge den Angeklagten Scherpe bei der Gegenüberstellung nicht wiedererkannt. Der Zeuge Was. hat den Angeklagten Scherpe damals überhaupt nicht gekannt. Seinen Namen will er von Häftlingsärzten erfahren haben. Möglicherweise ist ihm irrtümlich irgend ein anderer SS-Mann als der Angeklagte Scherpe bezeichnet worden. Ungewöhnlich erscheint auch, dass eine Kommission von 8 SS-Männern kranke russische Kriegsgefangene zur Tötung ausgesucht haben soll. Selektionen bei kranken Häftlingen im HKB wurden nach den Aussagen der im HKB beschäftigten Häftlingsärzte und Häftlingspfleger in der Regel vom SS-Lagerarzt unter Assistenz eines SDG oder nur durch den Angeklagten Klehr (eigenmächtig) durchgeführt. Wenn in dem von den beiden Zeugen geschilderten Fall 8 SS-Männer an der Selektion teilgenommen haben, so spricht das eher dafür, dass diese Kommission nach russ. Kommissaren gesucht hat. Wahrscheinlich wurden bei dieser Gelegenheit nicht kranke und schwache Kriegsgefangene zur Tötung ausgesondert, sondern die Selektion erfolgte nach anderen Gesichtspunkten durch ein besonderes Einsatzkommando auf Grund des OKW-Befehls vom 6.6.1941 und den danach ergangenen Richtlinien über die Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener (vgl. auch oben 2. Abschnitt VII.3.). Es erscheint ausserordentlich unwahrscheinlich, dass der Angeklagte Scherpe zu einem solchen Einsatzkommando gehört hat.

 

Es konnte auch nicht festgestellt werden, dass der Angeklagte Scherpe im Nebenlager Golleschau als SDG kranke Häftlinge zur Tötung ausgesucht hat. Der Zeuge August Klehr, der im Nebenlager Golleschau als Blockführer tätig war, wusste nichts davon, dass der Angeklagte Scherpe im HKB Golleschau Selektionen durchgeführt habe. Er will sich allerdings auch nicht um den HKB gekümmert haben. Der Zeuge Kruc., der als Häftling im Nebenlager Golleschau war und den Angeklagten Scherpe - wie oben bereits ausgeführt - günstig beurteilt hat, hat bekundet, dass in Golleschau zwar Selektionen im HKB vorgekommen seien. Der Häftlingsarzt Dr. Rubinstein habe zusammen mit einem Sanitäter arbeitsunfähige Häftlinge ausgesondert. Diese seien nach Auschwitz gekommen. Es sei jedoch nicht gesagt worden, dass sie zur Vergasung kämen.

Da der Angeklagte Scherpe als SDG in Golleschau gewesen ist, müsste er derjenige gewesen sein, der zusammen mit dem Häftlingsarzt Dr. Rubinstein kranke und schwache Häftlinge ausgesucht und nach Auschwitz geschickt hat. Nach der Aussage des Zeugen Kruc. ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass die Kranken in den HKB nach Auschwitz (Stammlager) und nicht zur Vergasung gekommen sind. Hierfür spricht immerhin, dass sie - jedenfalls nach dem, was der Zeuge Kruc. gehört hat - nicht nach Birkenau, sondern nach Auschwitz gebracht worden sind.

Der Zeuge Kruc. hat auch noch erklärt, es sei in Golleschau nicht gesagt worden, dass der Angeklagte Scherpe eigenmächtig und selbständig Selektionen gemacht habe.

 

Es kann somit nicht festgestellt werden, dass der Angeklagte Scherpe eigenmächtig im HKB oder im Nebenlager Golleschau Häftlinge zur Tötung mit Phenol oder zur Vergasung ausgesucht und über die beiden von ihm zugegebenen Fälle hinaus bei Selektionen durch den Lagerarzt oder durch andere SS-Angehörige dabeigewesen ist.

 

Die Beweisaufnahme hat jedoch ergeben, dass der Angeklagte Scherpe bei der Tötung von Häftlingen durch Phenolinjektionen im Zimmer 2 des Blockes 20 anwesend war. Der Angeklagte Scherpe gibt dies selbst zu. Er hat eingeräumt, dass er in der Zeit von Anfang Mai bis zum 7.Oktober 1942 - mit Ausnahme von zwei bis drei Wochen im Juli oder August 1942, als nämlich der Lagerarzt Dr. Entress im Urlaub gewesen sei - wöchentlich zweimal zu dem Zimmer Nr.1 im Block habe gehen und dort die Tötung