Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.707

zu werden.

 

Der Angeklagte Scherpe hat sich weiter dahin eingelassen, dass er bei Selektionen von Arztvorstellern durch den Lagerarzt nur noch ein zweites Mal dabei gewesen sei, ohne allerdings eine besondere Tätigkeit auszuüben. Dies konnte ihm nicht widerlegt werden. Denn die Beweisaufnahme hat nicht ergeben, dass er darüber hinaus an Selektionen teilgenommen oder - wie der Angeklagte Klehr - sogar selbständig im HKB selektiert habe. Der Zeuge Rei. hat zwar erklärt, er habe gehört, dass der Angeklagte Scherpe auch Selektionen gemacht haben solle. Der Zeuge musste aber einräumen, dass er selbst den Angeklagten Scherpe bei diesen Selektionen nicht gesehen hat. Der Zeuge konnte auch nicht mehr angeben, wer ihm von solchen Selektionen des Angeklagten Scherpe berichtet hat. Es kann sich daher um nicht nachprüfbares allgemeines Gerede oder um Gerüchte gehandelt haben. Sichere Feststellungen lassen sich darauf nicht stützen.

 

Der Zeuge Ta. will den Angeklagten Scherpe bei "Selektionen" von Arztvorstellern gesehen haben. Bei solchen Selektionen sei der Angeklagte Scherpe - so hat der Zeuge erklärt - ohne Anwesenheit eines Lagerarztes gewesen. Der Zeuge hat jedoch nicht bestätigt, dass der Angeklagte Scherpe bei diesen sog. "Selektionen" tatsächlich Karteikarten von kranken Häftlingen ausgesondert hat und kranke Häftlinge auf Block 20 hat abführen und dort töten lassen. Er hat die Tätigkeit des Angeklagten Scherpe bei solchen angeblichen Selektionen nur in der Richtung beschrieben, dass der Angeklagte Scherpe darüber entschieden habe, ob jemand in den HKB aufgenommen oder wieder in das Lager zurückgeschickt werden solle. Nach der Aussage des Zeugen ist es daher möglich, dass der Angeklagte Scherpe gelegentlich bei den Neukranken, wenn der Lagerarzt aus irgend einem Grunde nicht erschienen war, mit den Häftlingsärzten nur darüber beraten hat, was mit den Neukranken geschehen solle und zwar in der Richtung, ob eine Aufnahme in den HKB notwendig oder ob ambulante Behandlung ausreichend sei. Es steht jedoch nicht fest, dass bei diesen Gelegenheiten auch Häftlinge zum Zwecke der Tötung ausgesondert worden sind. Bei der Persönlichkeit des Angeklagten Scherpe, wie sie von den oben genannten Zeugen geschildert worden ist, erscheint es auch unwahrscheinlich, dass er ohne Befehl und aus eigenem Ermessen Häftlinge zur Tötung bestimmt hat.

 

Der Zeuge Glo. wusste nichts davon, dass der Angeklagte Scherpe eigenmächtig selektiert habe. Allerdings will er einmal gesehen haben, dass der Angeklagte Scherpe auf Block 20 Menschen von der Typhusabteilung abgeholt und zur "Abspritzung" d.h. zur Tötung mit Phenol gebracht habe. Das hätte sie sehr verwundert und hätte ihnen zu denken gegeben. Aus dieser Aussage ergibt sich nicht, dass der Angeklagte Scherpe diese Kranken eigenmächtig selektiert und zur Tötung bestimmt hat. Es ist denkbar, dass sie bereits vorher vom Lagerarzt Dr. Entress zur Tötung ausgewählt und von dem Angeklagten Scherpe anhand einer Liste zur Tötung weggebracht worden sind. Der Zeuge musste auch einräumen, dass er diese Möglichkeit nicht ausschliessen könne.

Im übrigen erscheint der Zeuge - wie schon oben ausgeführt - nicht zuverlässig genug, um auf seine Aussage sichere Feststellungen stützen zu können. Der Zeuge hat viele Dinge, die er nur von anderen im KL Auschwitz oder später gehört und erfahren hat, als eigenes Erleben - wahrscheinlich ohne sich dessen bewusst zu sein - geschildert. Er hat sich in Widersprüche zu anderen Zeugenaussagen verwickelt. Auch in diesem Fall erscheint es nicht ausgeschlossen, dass er Dinge berichtet hat, die er nur vom Hörensagen weiss. Darauf deutet hin, dass er hinzugefügt hat: "Das hat "uns" zu denken gegeben und hat "uns" verwundert."

 

Die russischen Zeugen Mi. und Was. wollen den Angeklagten Scherpe im Februar 1942 bei einer Kommission gesehen haben, die in dem im Stammlager für die russischen Kriegsgefangenen eingerichteten Lagerteile, und zwar im Krankenbau Block 14, nackte russ. Kriegsgefangene für die Tötung ausgesucht hätte. Bei dieser Selektion hätten 8 SS-Männer um einen Tisch herumgesessen. Unter ihnen sei auch der Angeklagte Scherpe gewesen. Der Zeuge Was. will von Häftlingsärzten erfahren haben, dass einer der 8 SS-Männer der Angeklagte Scherpe gewesen sei. Auch der Zeuge Mi. hat behauptet,