Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.704

In der Folgezeit nahm er nur noch einmal - wie er unwiderlegt angibt - an einer "Untersuchung" der Arztvorsteller durch den Lagerarzt Dr. Entress teil. Er ging jedoch auf Befehl des SS-Lagerarztes in den folgenden Monaten bis Oktober 1942 mindestens zweimal wöchentlich zur Tötung der von Dr. Entress bei den sog. Arztvorstellern ausgesuchten kranken und schwachen jüdischen Häftlingen auf den Block 20. Er begab sich jeweils mit einer Flasche Phenol und der Liste der ausgesonderten Häftlinge, die er sich von einem Häftlingsschreiber geben liess, durch den Haupteingang des Blockes 20 in das Zimmer Nr.1 in diesem Block. In dieses Zimmer wurden dann die bereits im Flur oder grossen Waschraum wartenden nackten Häftlinge nacheinander hereingeführt und durch Phenolinjektionen - wie es bereits unter O.II.1. beschrieben worden ist - getötet. Häufig gaben Funktionshäftlinge den Opfern die tödlichen Spritzen. Der Angeklagte Scherpe führte dann nur die Aufsicht. Zuvor hatte er jeweils den Funktionshäftlingen das Phenol ausgehändigt.

An mindestens zwei Tagen tötete der Angeklagte jedoch eigenhändig die Opfer, indem er ihnen die Nadel der mit Phenol gefüllten Rekordspritze in das Herz stiess und anschliessend das Phenol unmittelbar in das Herz spritzte. Er hat auf diese Weise mindestens insgesamt zehn Häftlinge eigenhändig getötet. Unter seiner Aufsicht sind mindestens weitere 170 Häftlinge durch Funktionshäftlinge getötet worden, so dass die Gesamtzahl der Opfer, die in seiner Anwesenheit getötet worden sind, mindestens 180 beträgt.

Der Angeklagte Scherpe wusste, dass die von dem Lagerarzt Dr. Entress ausgesuchten kranken und schwachen jüdischen Häftlinge nur als unnütze Esser beseitigt werden sollten und getötet wurden, weil sie wegen Ausfalls ihrer Arbeitskraft nicht mehr nützlich erschienen.

 

2. Die Tötung von mindestens 20 polnischen Knaben durch den Angeklagten Scherpe

 

Als der Angeklagte Scherpe im Februar oder März 1943 den Angeklagten Hantl im HKB vertreten musste, wurden einmal polnische Knaben im Alter zwischen 8-14 Jahren in das Stammlager gebracht. Sie stammten aus Zamocz. Diese Stadt liegt im ehemaligen Generalgouvernement. Welches der Anlass für die Verschickung der Kinder aus Zamocz in das KL Auschwitz gewesen ist, ist nicht völlig geklärt worden. Wahrscheinlich waren sie Opfer der nationalsozialistischen Germanisierungspolitik.

 

Himmler, der ursprünglich das Generalgouvernement als Reservat für Polen, Juden und andere unerwünschte Personengruppen bestimmt hatte, dehnte nach Ausbruch des Krieges gegen die Sowjetunion seine Germanisierungspolitik - in Abänderung seiner ursprünglichen Konzeption, wonach nur die eingegliederten Ostgebiete als deutscher Siedlungsraum dienen sollten - auch auf das Generalgouvernement aus. Als erstes Siedlungsgebiet im Generalgouvernement wurde der Distrikt Lublin und der Kreis Zamocz ausersehen. Am 20.7.1941 gab Himmler eine streng geheime Weisung heraus, dass der Distrikt Lublin und der Kreis Zamocz das erste grosse deutsche Grosssiedlungsgebiet im Generalgouvernement sein solle. Ende 1942 wurde auf Befehl Himmlers mit der gewaltsamen Aussiedlung von Polen und der Ansiedlung von deutschen Umsiedlern im Kreis Zamocz begonnen. Die polnische Bevölkerung wurde in vier Wertungsgruppen eingeteilt. Die Angehörigen der Wertungsgruppen I und II sollten nach Litzmannstadt zur Eindeutschung bzw. "Feinmusterung" (d.h. zur Überprüfung ihrer Tauglichkeit für die Eindeutschung) gebracht werden. Die arbeitsfähigen Angehörigen (14-60 Jahre) der Wertungsgruppe III sollten in das Reich zum Arbeitseinsatz kommen. Die nicht arbeitsfähigen Angehörigen der Wertungsgruppe III und IV (Kinder und Personen über 60 Jahre) sollten in sog. Rentendörfern untergebracht werden. Schliesslich sollten die Angehörigen der Wertungsgruppe IV im Alter von 14-60 Jahren in das KL Auschwitz befördert werden. Tatsächlich wurden im Rahmen dieser Aktion von Zamocz im Dezember 1942 644 Personen in das KL Auschwitz gebracht.

 

Ob die polnischen Kinder aus Zamocz unter den 644 Angehörigen der Wertungsgruppe IV (die an sich 14-60 Jahre alt sein sollten) mit nach Auschwitz (vielleicht aus Versehen) deportiert worden sind, war nicht zu klären. Es konnte auch nicht festgestellt werden, wann sie überhaupt in das KL Auschwitz gebracht worden sind. Möglicherweise