Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.703

Im Sommer 1940 wurde der Angeklagte zum KL Auschwitz versetzt. Er wurde zunächst im Truppenrevier verwendet. Anfang Mai 1942 wurde er zum HKB des Stammlagers (A I) als SDG versetzt. Hier war er zunächst bis zum 7.10.1942 als SDG tätig. Dann wurde er wegen verbotener Kontakte mit Häftlingen verhaftet. Er war vom 7.10.1942 bis zum 22. oder 23.12.1942 inhaftiert. Nach seiner Haftentlassung war er einige Zeit krank. Im Februar oder März 1943 musste er den Angeklagten Hantl, der für ihn inzwischen als zweiter SDG in den HKB gekommen war, vertreten. Er übte erneut kurze Zeit die Funktionen eines SDG im HKB aus. Anschliessend war er in verschiedenen Nebenlagern, unter anderem im Lager Golleschau, als SDG tätig. Im September oder Oktober 1944 wurde der Angeklagte Scherpe in das Lager Gleiwitz versetzt. Hier blieb er bis zur Evakuierung des Lagers.

Der Angeklagte wurde in Auschwitz zu einem nicht mehr festzustellenden Zeitpunkt zum SS-Oberscharführer befördert. Er selbst gibt an, dass die Beförderung nach seiner Inhaftierung erfolgt sei. Am 20.4.1943 wurde der Angeklagte mit dem KVK II. Klasse ausgezeichnet.

Nach der Räumung des Lagers Auschwitz marschierte der Angeklagte zu Fuss nach Gross-Rosen.

 

Nach dem Zusammenbruch wurde er als SS-Angehöriger interniert. Er wurde jedoch bereits im Juli 1945 wieder aus dem Internierungslager entlassen. Von November 1949 bis zum Jahre 1956 lebte er in Clausthal-Zellerfeld/Harz. Dann verzog er nach Mannheim. Dort arbeitete er als Pförtner in einer Maschinenfabrik. Er verdiente etwa 650.- DM netto.

Der Angeklagte Scherpe ist seit dem 2.8.1941 verheiratet. Aus der Ehe ist ein inzwischen volljähriger Sohn hervorgegangen.

Der Angeklagte befand sich vom 15.8.1961 bis zum 19.8.1965 in dieser Sache in Untersuchungshaft.

 

II. Tatsächliche Feststellungen

 

1. Die Mitwirkung des Angeklagten Scherpe bei der Tötung von sog. Arztvorstellern durch Phenolinjektionen in Block 20

(Eröffnungsbeschluss Ziffer 1)

 

Der Angeklagte Scherpe kam - wie schon in seinem Lebenslauf ausgeführt - Anfang Mai 1942 in den HKB des Stammlagers als SDG. Er wurde zweiter SDG neben dem Angeklagten Klehr. Dieser wies ihn in seine Aufgaben als SDG ein. Der Angeklagte Scherpe wurde gleich zu Beginn seiner Tätigkeit im HKB von dem Angeklagten Klehr zu einer "Untersuchung" der Arztvorsteller in den Block 28 mitgenommen. Dort lernte er das Verfahren, das der Lagerarzt Dr. Entress bei der "Untersuchung" der Neukranken anwandte, wie es unter O.II.1. geschildert worden ist, kennen. Nach Abschluss der Vorbereitungen für die Tötung der vom Lagerarzt Dr. Entress ausgewählten kranken und schwachen jüdischen Häftlinge (Schreiben der Liste, Verbringen der Opfer in den Block 20) nahm der Angeklagte Klehr den Angeklagten Scherpe mit auf Block 20. Beide betraten den Block 20 durch den Haupteingang und gingen dann auf das Zimmer Nr.1. Dort sah der Angeklagte Scherpe, wie die von Dr. Entress ausgewählten Häftlinge nacheinander durch Phenolinjektionen - wie es oben unter O.II.1. beschrieben worden ist - getötet wurden. Er war darüber entsetzt. Zu dem Angeklagten Klehr sagte er nach Abschluss der Aktion, dass er so etwas nicht machen könne. Klehr erwiderte ihm, das sei seine Sache, er solle sehen, wie er damit fertig werde. Scherpe meldete sich noch am gleichen Tag bei dem Lagerarzt Dr. Entress und erklärte ihm, dass er den Dienst im HKB nicht übernehmen könne. Er wolle mit den Tötungen nichts zu tun haben. Dr. Entress lachte ihn aus und erwiderte ihm, dass er - Dr. Entress - darüber nicht bestimmen könne, das sei Sache des Standortarztes. Der Angeklagte Scherpe begab sich am nächsten Tag zu dem Standortarzt und trug ihm vor, er möchte vom Dienst im HKB abgelöst werden. Der Standortarzt antwortete ihm, das ginge nicht, weil er nicht genügend Personal habe. Er - Scherpe - müsse daher im HKB bleiben. Der Angeklagte Scherpe fand sich mit dieser Erklärung seines Standortarztes ab.