Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.688

wäre auch ungewöhnlich, wenn ein aus gleichrangigen SS-Männern bestehendes Kommando ohne Kommandoführer gewesen wäre. In jedem militärischen oder militärähnlichen Verband hat jede, auch die kleinste Einheit einen Führer, der dem nächst höheren Vorgesetzten gegenüber für die Durchführung der von der Einheit auszuführenden Aufträge verantwortlich ist. Es liegt auch nahe, dass man den Angeklagten Klehr, der als Chef des Desinfektionskommandos im Umgang mit Zyklon B besonders erfahren war, da die Baracken ebenfalls mit Zyklon B entwest wurden, auch zum Chef des Vergasungskommando bestimmt hat.

 

Dass der Angeklagte Klehr Chef des Vergasungskommandos gewesen ist und wiederholt in dieser Funktion auch zur Vergasung von Menschen zu den Gaskammern gefahren ist, um dort die Arbeit der ihm unterstellten Männer zu beaufsichtigen, wenn nicht sogar, um selbst das Zyklon B einzuwerfen, ergibt sich im übrigen aus folgendem:

In seinem bereits mehrfach erwähnten Bericht aus dem Jahre 1945 hat der Angeklagte Broad bei der Schilderung einer Fahrt der Desinfektoren im Sanka zu einer Vergasung in einem der umgebauten Bauernhäuser den Namen des Angeklagten Klehr ausdrücklich angeführt. Nach der Schilderung des Angeklagten Broad sass Klehr vorne neben dem Fahrer des Sanka, während die anderen Desinfektoren auf den Seitenbänken im hinteren Raum des Sanka mitfuhren. Mit dem Sanka wurden nach dem Bericht des Angeklagten Broad auch die Büchsen Zyklon B befördert.

Das Gericht ist überzeugt, dass die Schilderung des Angeklagten Broad zutreffend ist. Es ist kein Grund ersichtlich, warum Broad im Jahre 1945, als er die Geschehnisse in Auschwitz noch in guter Erinnerung gehabt haben muss, den Angeklagten Klehr wahrheitswidrig belastet haben sollte.

Die Tatsache, dass der Angeklagte Klehr in dem Sanka, in dem die Büchsen Zyklon B befördert wurden und in dem die Angehörigen des Vergasungskommandos zu einer Vergasung in Birkenau gebracht wurden, gefahren ist und zudem neben dem Beifahrer gesessen hat, spricht eindeutig dafür, dass er Chef des Vergasungskommandos gewesen ist und auch mit zu den Vergasungen zur Beaufsichtigung der ihm unterstellten SS-Männer, die das Gas einzuschütten hatten, gefahren ist.

 

Die Überzeugung des Gerichts von der Funktion des Angeklagten Klehr bei Vergasungen von Menschen wird auch noch durch folgendes gestützt: Der Zeuge Dr. Loeb., der als Häftling im Stammlager in Auschwitz gewesen ist, hatte einen guten Bekannten unter den Häftlingen namens Dr. Sperber. Dieser war im Desinfektionskommando des Angeklagten Klehr. Bei der Entwesung von Baracken und Kleidungsstücken half er mit. Wie der Zeuge Dr. Loeb. glaubhaft bekundet hat, hat ihm der Häftling Dr. Sperber damals im Lager erzählt, dass Klehr auch das Gas in die Gaskammern einwerfe.

 

Der Zeuge Am. war ebenfalls im Desinfektionskommando des Angeklagten Klehr. Der Zeuge hat zwar nicht selbst gesehen, dass sich der Angeklagte Klehr an den Gaskammern betätigt oder in ihrer Nähe während der Vergasungen aufgehalten hat. Er hat aber - nach seiner glaubhaften Aussage - wiederholt erlebt, dass Klehr morgens mit anderen Desinfektoren zum Dienst gekommen ist und dass sie sich untereinander über ihren Dienst in der vergangenen Nacht unterhalten haben. Oft seien sie morgens schon - so hat der Zeuge glaubhaft berichtet - betrunken gewesen. Auch das spricht dafür, dass Klehr Chef des Vergasungskommandos gewesen ist und Dienst an der Gaskammer gemacht hat. Ferner hat der Zeuge Sik., der den Angeklagten Klehr gut gekannt hat, weil er in der Apotheke des SS-Reviergebäudes, in dem auch der Angeklagte Klehr ein Jahr lang untergebracht war, gearbeitet hat, gemeint, dass Klehr Chef des Vergasungskommandos gewesen sei. Der Zeuge Gol. hat bekundet, dass zu den Aufgaben des Desinfektionskommandos, dessen Leiter der Angeklagte Klehr gewesen sei, auch die Vergasungen in den Gaskammern gehört hätten. Die Entwesung der Baracken und der Kleidungsstücke sei nur eine "Nebentätigkeit" gewesen. Schliesslich haben die Zeugen Gol., Py., Sik., Lil. und Dr. F. übereinstimmend glaubhaft bekundet, dass der Angeklagte Klehr laufend Zusatzverpflegung in Form von Milch, Butter, Bonbons, Jamaika-Rum, Schnaps und Zigaretten erhalten hätte. Der Zeuge Dr. F. konnte sich noch genau erinnern, dass der Angeklagte Klehr stets die Zusatzverpflegung "wegen seiner Tätigkeit in Birkenau"