Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.687

Das Schwurgericht hat dem Zeugen Lil. geglaubt, Er war in der Schreibstube des SS-Reviergebäudes beschäftigt. Das SS-Reviergebäude befand sich unmittelbar gegenüber dem kleinen Krematorium. Das Fenster der Schreibstube, in der der Zeuge tätig war, zeigte auf das kleine Krematorium. Der Zeuge konnte daher die Vorgänge am kleinen Krematorium gut beobachten. Er konnte auch die Menschen, die auf das Dach des kleinen Krematoriums gestiegen sind, erkennen. Denn die Entfernung war gering. Den Angeklagten Klehr kannte der Zeuge aus seiner Tätigkeit in der Schreibstube des Standortarztes gut. Eine Verwechslungsmöglichkeit scheidet aus.

Im übrigen war das Einwerfen des Zyklon B im Jahre 1942, als Klehr noch nicht Leiter des Desinfektionskommandos war und noch kein besonderes Vergasungskommando bestand, Sache des SDGs.

 

Bei den Vergasungen muss es sich um Aktionen in der ersten Hälfte des Jahre 1942 gehandelt haben. Denn später - ab Sommer 1942 - wurden die jüdischen Menschen in den Gaskammern der umgebauten Bauernhäuser und ab 1943 in den Gaskammern der neuen Krematorien getötet. Die Aussage des Zeugen Lil., dass eine grosse Anzahl von Vergasungen im kleinen Krematorium stattgefunden hätte, findet auch ihre Bestätigung in der Aussage des Zeugen Mü., die bereits bei der Erörterung der Straftaten des Angeklagten St. gewürdigt worden ist.

Da der Zeuge Lil. keine präzisen Zahlenangaben machen konnte, sondern die Zahl der von ihm beobachteten Vergasungen, an denen der Angeklagten Klehr beteiligt war, nur geschätzt hat, hat sich das Gericht darauf beschränkt, von einer unbestimmten Anzahl von Vernichtungsaktionen im kleinen Krematorium, bei denen der Angeklagten Klehr selbst das Gas eingeschüttet hat, mindestens eine Vergasung als sicher festzustellen. Bei dieser Vergasung ist eine unbestimmte Anzahl von jüdischen Menschen getötet worden. Mindestens waren es nach der Überzeugung des Gerichts 50. Denn man hat nie weniger als 50 Personen durch das Gas getötet, weil sich nach damaliger Auffassung der erforderliche Aufwand für die "Liquidierung" durch Gas von weniger als 50 Personen nicht "gelohnt" hat. Kleinere Gruppen wurden erschossen.

 

12. Zu II.6b.

 

Der Angeklagte Klehr hat eingeräumt, dass er Chef des Desinfektionskommandos gewesen sei. Wie er behauptet, soll ihm die Leitung dieses Kommandos bereits im Juli 1942 übertragen worden sein. Er hat jedoch behauptet, dass das Desinfektionskommando mit der Tötung von Menschen durch Zyklon B nichts zu tun gehabt habe. Allerdings hätten zu seinem Desinfektionskommando - so hat er sich weiter eingelassen - vier SS-Männer gehört, deren Aufgabe es gewesen sei, das Zyklon B in die Gaskammern zu werfen. Dieses Vergasungskommando sei jedoch unabhängig von dem Desinfektionskommando gewesen. Die vier Männer hätten sich im "Vergasungsdienst" automatisch abgewechselt. Je zwei oder vier Männer hätten jeweils 24 Stunden Bereitschaftsdienst gehabt und hätten während dieser Zeit, wenn RSHA-Transporte angekommen seien, das Zyklon B in die Gaskammern einschütten müssen. Die beiden anderen SS-Männer, die frei gehabt hätten, hätten in seinem Desinfektionskommando Dienst verrichten müssen. Dann hätte er - der Angeklagte - wegen irgend eines Zwischenfalles auf Befehl des Spiesses beim Standortarzt, O., für die vier Männer einen Dienstplan aufstellen müssen. Er habe dann die vier Männer auf einem schriftlichen Dienstplan so eingeteilt, dass jeweils zwei SS-Männer Bereitschafts- und Vergasungsdienst während 24 Stunden gehabt hätten, während die beiden anderen in seinem Desinfektionskommando Dienst hätten machen müssen.

Er selbst sei jedoch nie bei den Krematorien gewesen. Nur ein einziges Mal habe er ein Krematorium besichtigt, als es noch nicht in Betrieb gewesen sei.

 

Die Einlassung des Angeklagten Klehr, er habe mit den Vergasungen in den Gaskammern nichts zu tun gehabt und er sei nie bei den Gaskammern in Birkenau gewesen, ist unglaubhaft.

Schon die Tatsache, dass er einen Dienstplan für die Männer des Vergasungskommandos aufstellen musste, beweist, dass ihm das gesamte Vergasungskommando unterstand und dass er für den Einsatz der Männer dieses Kommandos verantwortlich war. Es