Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.686

vieler Zeugen ergeben hat - nicht selten Kameraden vom Tode erretten.

 

10. Zu II.5.

 

Der Angeklagte Klehr hat nicht in Abrede gestellt, dass am 29.8.1942 die Infektionskranken aus dem Block 20 und der dazugehörigen Baracke mit LKWs zur Vergasung nach Birkenau gebracht und dort durch Zyklon B getötet worden sind. Er hat sich jedoch dahin eingelassen, dass er bei der Räumung des Blockes 20 nicht als SDG sondern nur als Desinfektor tätig geworden sei. Er habe den Block 20 nach der Räumung desinfizieren müssen. Mit dem Abtransport der Kranken in die Gaskammer habe er nichts zu tun gehabt.

Seine Einlassung wird jedoch widerlegt, durch die glaubhaften Aussagen der Zeugen Barc., Han., P., Glo. und Dr. Kl., auf denen die Feststellungen unter II.5. beruhen. Alle diese Zeugen haben übereinstimmend bekundet, dass der Angeklagte Klehr als SDG dem Lagerarzt Dr. Entress assistiert und scharf aufgepasst habe, dass keiner der für die Vergasung bestimmten Menschen gerettet werde. Der Zeuge P. hat darüber hinaus ausgesagt, dass der Angeklagte Klehr beim Abtransport die Nummern der Opfer überprüft und darauf geachtet habe, dass keiner der für die Vergasung vorgesehenen Häftlinge zurückblieb. Der Zeuge Glo. hat nach seiner glaubhaften Bekundung beobachtet, dass Klehr beim Abtransport der Opfer besonders eifrig gewesen ist und Kranke und Widerstrebende brutal und unmenschlich auf die LKWs gezerrt hat.

 

Die Anzahl der Opfer betrug nach der Überzeugung des Gerichts mindestens 700. Der Zeuge Dr. P., der nach der Aktion die Todespapiere für die Opfer ausfertigen musste, hat erklärt, dass nach seiner Erinnerung ca. 800 Häftlinge von der Lagerstärke "abgesetzt" worden seien. Der Zeuge Dr. F. hat gemeint, es seien zwischen 700 und 800 Opfer gewesen. Der Zeuge Glo. hat die Anzahl der Toten auf etwa 700 geschätzt. Auch der Zeuge Woy. hat gemeint, dass die Zahl der Opfer 800 betragen habe. Der Zeuge So., der damals als Koch in der Küche beschäftigt gewesen ist, hat mit Bestimmtheit erklärt, dass ihm damals nach der Aktion 832 Portionen in der Küche übrig geblieben seien. In den nächsten Tagen seien dann jeweils täglich 100 Häftlinge von der Verpflegungsstärke abgesetzt worden, bis die Zahl 832 erreicht gewesen sei. Die Aussagen der Zeugen So. und Dr. P. verdienen bezüglich der Anzahl der Opfer den Vorzug vor den Aussagen der übrigen Zeugen, weil sie für ihre Zahlenangaben damals sichere Grundlagen gehabt haben, während die übrigen Zeugen die Opfer nur geschätzt haben. Um jedoch alle möglichen Unsicherheiten auszuschalten, ist das Gericht nur von einer Mindestzahl von 700 Opfern ausgegangen.

 

Die Feststellung, dass der Angeklagte Klehr gewusst hat, dass die Infektionskranken in einer der Gaskammern getötet werden sollten und dass er auch den Grund für ihre "Liquidierung" gekannt hat, ergibt sich aus der gesamten damaligen Situation. Die genannten Zeugen haben bereits damals als Funktionshäftlinge über die Hintergründe der Vernichtungsaktionen Bescheid gewusst. Sie können daher auch dem Angeklagten Klehr nicht verborgen geblieben sein. Er bestreitet auch gar nicht, bereits damals über den Grund und die Durchführung der Vernichtungsaktion informiert gewesen zu sein. Er leugnet lediglich, daran beteiligt gewesen zu sein.

 

11. Zu II.6a.

 

Die Feststellungen unter II.6a. beruhen auf der glaubhaften Aussage des Zeugen Lil. Der Angeklagte Klehr bestreitet, jemals in das kleine Krematorium Zyklon B eingeworfen zu haben, wie er überhaupt in Abrede stellt, jemals etwas mit den Vergasungen zu tun gehabt zu haben. Der Zeuge Lil. hat glaubhaft geschildert, dass er mit eigenen Augen gesehen habe, wie Klehr mit Gehilfen auf das flache Dach des kleinen Krematoriums gestiegen sei, seine Gasmaske aufgesetzt und nach Öffnung der Zyklon B Büchsen deren Inhalt in die Einfüllstutzen des Krematoriums hineingeschüttet habe. Jedesmal habe er Sekunden später das erstickte Geschrei der eingeschlossenen Menschen gehört. Das habe er etwa 30 bis 40mal vom Fenster seines Arbeitsraumes aus gesehen.