Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.684

Abend 1942 Dienst im HKB gehabt habe. Er konnte sich zwar nicht mehr mit Sicherheit erinnern, ob er mit eigenen Augen die Selektion am Heiligen Abend gesehen hat. Er wusste jedoch noch mit Bestimmtheit, dass am Heiligen Abend ein Berg von Leichen im Waschraum des Blockes 20 gelegen habe und dass die Leichen von zwei bis drei Rollwagen hätten weggefahren werden müssen. Auch ist damals im HKB darüber gesprochen worden, dass Klehr selektiert habe.

Auch der Zeuge Glo. konnte sich noch erinnern, dass am Heiligen Abend eine Aktion im HKB durchgeführt worden ist. Er sei darüber - so hat er in der Hauptverhandlung erklärt - sehr erschüttert gewesen. Nähere Einzelheiten konnte er allerdings nicht mehr schildern, da er sie nicht mehr im Gedächtnis hatte.

 

Aus all diesen Zeugenaussagen und den von den Zeugen geschilderten Umständen hat das Gericht die Überzeugung gewonnen, dass der Angeklagte Klehr am Heiligen Abend in Abwesenheit des Lagerarztes eigenmächtig eine Selektion im gesamten HKB durchgeführt und anschliessend im Zimmer Nr.1 des Blockes 20 die ausgesuchten Häftlinge durch Phenolinjektionen getötet hat.

Die Anzahl der Opfer hat der Zeuge Dr. P. mit mindestens 200 angegeben. Der Zeuge hat die Opfer zwar nicht gezählt. Er hat aber in der Häftlingsschreibstube unmittelbar nach der Tötungsaktion die Todesmeldungen der Opfer aus den verschiedenen Blocks bekommen. Der Zeuge konnte sich erinnern, dass es über 200 gewesen seien. Der Zeuge Kl. hat bestätigt, dass damals von ungefähr 200 Opfern die Rede gewesen sei. Das Gericht ist daher überzeugt, dass der Angeklagte Klehr am Heiligen Abend 1942 mindestens 200 kranke und schwache Häftlinge eigenmächtig getötet hat.

 

7. Zu II.3a.

 

Die Feststellungen unter II.3a. beruhen auf der Aussage des Zeugen Fie. Der Zeuge konnte allerdings nicht in der Hauptverhandlung vernommen werden. Das Protokoll über seine frühere polizeiliche Vernehmung vom 13.10.1960 wurde in der Hauptverhandlung verlesen. Das Gericht hat keine Veranlassung, an der Richtigkeit der Angaben des Zeugen, die er bei seiner polizeilichen Vernehmung gemacht hat, zu zweifeln. Die vom Zeugen geschilderte Tätigkeit des Angeklagten Klehr - wie sie das Gericht unter II.3a. festgestellt hat - passt in dessen Persönlichkeitsbild und stimmt mit dem sonstigen Verhalten des Angeklagten Klehr im HKB - wie es sich aus den Aussagen anderer Zeugen ergibt - überein.

Der Zeuge Fie. konnte allerdings nicht die Anzahl der vom Angeklagten Klehr ausgesuchten Opfer angeben. Er hat jedoch ausgesagt, dass der Angeklagte Klehr "mehrere" Häftlinge durch Herauslegen der Karteikarten und "mehrere Häftlinge" die an ihm im Flur vorbeigegangen seien, für den Gastod ausgesucht habe. Das bedeutet, dass der Angeklagte Klehr mindestens zwei Menschen durch Herausnehmen der Karteikarten und mindestens zwei Menschen, die an ihm im Flur vorbeigegangen sind, zur Tötung bestimmte.

Dass die Häftlinge anschliessend auch in einer der Gaskammern in Birkenau getötet worden sind, sieht das Gericht als erwiesen an. Denn nach solchen Selektionen zur Vergasung wurden die Häftlinge anschliessend stets in einer der Gaskammern in Birkenau durch Zyklon B getötet.

 

8. Zu II.3b.

 

Die Feststellungen unter II.3b. beruhen auf der Aussage des Zeugen Ga. Der Zeuge war im April/Mai 1943 als Gehilfe des Blockschreibers im Block 20 tätig. Es besteht daher kein Zweifel, dass er in dieser Funktion den Angeklagten Klehr gekannt hat. Der Zeuge hat glaubhaft geschildert, dass der Angeklagte Klehr zunächst ungeduldig auf den Lagerarzt gewartet und dann schliesslich selbst 70 holländische jüdische Menschen ausgewählt habe. Der Zeuge hat selbst gesehen, dass die Menschen noch an dem gleichen Tag weggebracht worden sind. Von der Schreibstube des HKB hat er dann erfahren, dass die Häftlinge als "überstellt" von der Lagerstärke abgesetzt worden sind. Der Zeuge Ga. hat einen glaubwürdigen Eindruck gemacht. Das Gericht hat ihm vollen Glauben geschenkt. Nach den vom Zeugen geschilderten Umständen besteht kein Anhaltspunkt