Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.681

identisch sein kann, so steht mit jeden Zweifel ausschliessender Sicherheit fest, dass der Angeklagte Klehr über die bereits festgestellten 253 Fälle hinaus noch mindestens drei weitere Häftlinge getötet hat.

Obwohl auf Grund der Aussage des Zeugen Wei. davon ausgegangen werden kann, dass der Angeklagte Klehr noch eine Vielzahl von Häftlingen umgebracht hat, hat sich das Gericht im Hinblick auf die unsicheren Zahlenangaben des Zeugen Wei. auf die Feststellung dieser drei weiteren Fälle beschränkt, da es seinen Feststellungen Schätzungen nicht zugrunde legen durfte.

 

Nach der Überzeugung des Schwurgericht steht daher mit jeden Zweifel ausschliessender Sicherheit fest, dass der Angeklagte Klehr mindestens 256 Häftlinge, die vom Lagerarzt Dr. Entress zur Tötung bestimmt worden waren, durch Phenolinjektionen getötet hat. Dass der Lagerarzt nur jüdische Häftlinge zur Tötung ausgesucht hat, hat der Angeklagte Klehr selbst erklärt. Der Grund für ihre Tötung liegt auf der Hand. Die Tatsache, dass nur jüdische Häftlinge durch Phenol getötet worden sind, und dass es sich hierbei nur um kranke und schwache Häftlinge gehandelt hat, die nicht mehr als Arbeitskräfte eingesetzt werden konnten, und dass sonst keine anderen Gründe ersichtlich sind und vom Angeklagten Klehr auch nicht behauptet werden, beweist, dass man unnütze, überflüssige Esser loswerden wollte. Man hat die jüdischen Menschen, die an sich im Rahmen der "Endlösung der Judenfrage" sowieso auf Befehl Hitlers liquidiert werden sollten, nur so lange am Leben gelassen, als sie noch Arbeit verrichten konnten. Es kann auch kein Zweifel daran bestehen, dass der Angeklagte Klehr den Grund für diese Tötungsaktion gekannt hat. Denn er hat die Selektionen selbst mitgemacht und hat gesehen, dass nur kranke und schwache, im Arbeitseinsatz nicht mehr verwendbare jüdische Häftlinge vom Lagerarzt für die Tötung ausgesucht worden sind. Ihm musste es daher klar sein - und war ihm nach der Überzeugung des Gerichts auch klar -, dass die jüdischen Häftlinge nur aus Nützlichkeitserwägungen heraus, weil sie nämlich als überflüssige Esser unnütz erschienen, getötet worden sind, zumal ihm auch keine anderen Gründe für die Tötungsaktionen genannt wurden. Er hat sich auch nicht darauf berufen, den Grund für die Tötungsaktionen nicht gekannt zu haben.

 

Die Überzeugung und Feststellung des Gerichts, dass es dem Angeklagten Klehr unnatürliche Freude bereitet hat, die jüdischen Häftlinge durch Phenolinjektionen zu töten, beruht darauf, dass der Angeklagte Klehr - wie die Beweisaufnahme ergeben hat und im folgenden noch auszuführen sein wird - ohne Befehl eigenmächtig und selbständig Häftlinge im HKB ausgesucht und von sich aus durch Phenolinjektionen getötet hat und sich darüber hinaus damit gegenüber den Häftlingsärzten gebrüstet hat, eine gewisse Fertigkeit in dieser Tötungsart erlangt zu haben.

Auch die Tatsache, dass er sich in Abwesenheit des Lagerarztes ohne Notwendigkeit als Lagerarzt aufgespielt hat und dessen Funktionen bei den Arztvorstellern übernommen hat, zeigt, dass es ihm unnatürliche Freude gemacht hat, in der Rolle des Lagerarztes seine Macht über Leben und Tod der Häftlinge zu demonstrieren und einen Teil durch Phenolinjektionen zu töten.

 

3. Zu II.2a.

 

Der Angeklagte Klehr hat in Abrede gestellt, jemals eigenmächtig im HKB selektiert zu haben.

Er wird jedoch durch die glaubhafte Aussage des Zeugen Dr. P. überführt, wiederholt eigenmächtig die Funktionen des Lagerarztes Dr. Entress bei der "Untersuchung" der Arztvorsteller übernommen zu haben. Der Zeuge Dr. P. hat glaubhaft geschildert, dass er als Schreiber im Block 21 benachrichtigt worden sei, wenn der Lagerarzt nicht zur morgendlichen "Untersuchung" der Neukranken hätte kommen können. Er habe dann dem Angeklagten Klehr gemeldet, dass der Lagerarzt nicht komme. Klehr habe dann geantwortet: "Ich bin heute Lagerarzt, ich mache heute die Arztvormelder." Er habe dann die Selektionen bei den Arztvormeldern durchgeführt und jeweils einige Häftlinge - genau wie der Lagerarzt Dr. Entress - zur Tötung ausgesucht. Anschliessend seien dann die Opfer an seinem Fenster vorbei zu Block 20 geführt und dort von Klehr mit Phenolinjektionen getötet worden.