Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.680

noch zurückzukommen sein wird.

Mit Sicherheit kann davon ausgegangen werden, dass der Angeklagte Klehr in der Zeit vom Frühjahr 1942 bis Juli 1942 mindestens 250 Häftlinge, die von dem Lagerarzt Dr. Entress zur Tötung bestimmt worden waren, eigenhändig durch Phenolinjektionen getötet hat. Denn der Angeklagte Klehr hat selbst eingeräumt, dass er 250 bis 350 Häftlinge (also mindestens 250) eigenhändig getötet habe.

 

Mit Sicherheit steht ferner fest, dass der Angeklagte Klehr nach dieser Zeit mindestens noch weitere sechs Häftlinge, die vom Lagerarzt für den Tod bestimmt worden waren, durch Phenolinjektionen getötet hat. Der Zeuge de Ma., der erst am 20.7.1942 als Schreiber in den HKB gekommen ist, hat nach dem 31.7.1942 - wie er glaubhaft geschildert hat - einmal mit eigenen Augen gesehen, wie der Angeklagte Klehr einen Häftling durch eine Phenolinjektion im Zimmer Nr.1 des Blockes 20 getötet hat. Der Zeuge kam gerade in das Zimmer hinein, als ein nackter Häftling vor dem Angeklagten Klehr auf einem Schemel sass. Der Häftling, der zuvor mit anderen vom Lagerarzt Dr. Entress für den Tod bestimmt worden war, wurde von zwei Funktionshäftlingen gehalten. Einer dieser Funktionshäftlinge war der polnische Häftling Panczyk. Der Zeuge de Ma. beobachtete - nach seiner weiteren glaubhaften Schilderung - wie der Angeklagte Klehr die mit Phenol gefüllte Rekordspritze nahm und die Nadel der Spritze dem vor ihm sitzenden Häftling ins Herz stiess und sofort danach das in der Spritze befindliche Phenol dem Häftling in das Herz spritzte. Der Häftling starb unmittelbar danach. Dieser Fall kann nicht in den vom Angeklagten Klehr zugegebenen 250 Fällen enthalten sein, da der Angeklagte Klehr nur bis Juli 1942 im HKB gewesen sein will und nur die Tötungen angegeben hat, die er bis Juli 1942 durchgeführt hat.

 

Der bereits erwähnte Zeuge Toc. musste - wie er glaubhaft ausgesagt hat - im Frühling 1943 vom Block 21 eine Nachricht zu dem Angeklagten Klehr auf Block 20 bringen. Er betrat den Block 20 durch den Mitteleingang. Dort sah er auf dem Flur mehrere nackte Häftlinge, die zuvor vom Lagerarzt für die Tötung ausgewählt worden waren, stehen. Der Zeuge ging hinter den Vorhang, um dem Angeklagten Klehr die Nachricht in das Zimmer Nr.1 zu bringen. Als er das Zimmer betrat, sah er, wie gerade ein nackter Häftling auf dem Schemel vor dem Angeklagten Klehr sass. Ein Funktionshäftling stand neben dem Schemel. Der Funktionshäftling fragte den nackten Häftling wie er heisse. Dann legte er ihm die Hand vor Augen. Unmittelbar danach spritzte der Angeklagte Klehr dem sitzenden Häftling mit der Rekordspritze Phenol unmittelbar ins Herz. Der Häftling starb auf der Stelle. Danach wurde ein zweiter Häftling nackt hereingerufen. Auch diesen tötete der Angeklagte Klehr im Beisein des Zeugen auf die gleiche Weise. Weitere Tötungshandlungen konnte der Zeuge nicht mehr beobachten, da er das Zimmer auf Befehl Klehrs wieder verlassen musste.

Das Gericht hat keinen Anlass, an der Darstellung des Zeugen Toc., der einen glaubwürdigen Eindruck hinterlassen hat, zu zweifeln. Damit steht fest, dass der Angeklagte Klehr über die von ihm zugegebenen und über den vom Zeugen de Ma. geschilderten Fall hinaus mindestens noch zwei weitere Häftlinge eigenhändig getötet hat.

 

Schliesslich steht auf Grund der Aussage des Zeugen Wei. fest, dass der Angeklagte Klehr noch mindestens drei weitere vom Lagerarzt Dr. Entress ausgewählte Häftlinge nach dem 31.7.1942 eigenhändig getötet hat. Der Zeuge Wei. konnte sich zwar - wie schon ausgeführt - nicht auf eine bestimmte Zahl festlegen. An eine Tötungsaktion, die am 28.9.1942 stattfand, konnte er sich aber noch konkret erinnern. An diesem Tag wurde nämlich sein Vater durch den Angeklagten Klehr in seinem Beisein getötet. Der Zeuge hat glaubhaft bekundet, dass an diesem Tag ausser seinem Vater noch weitere Häftlinge, nämlich Joseph Grün, Armin Feldbauer und Anton Myjava durch den Angeklagten Klehr mit Phenol getötet worden seien. Diese Tötungshandlungen können nicht mit den vom Angeklagten Klehr zugegebenen 250 Fällen identisch sein, da Klehr nur die bis Juli 1942 durchgeführten Tötungsaktionen zugegeben hat. Es kann sich dabei auch nicht um die vom Zeugen Toc. geschilderten Fälle handeln, da der Zeuge Toc. erst im Frühling 1943 seine Beobachtung gemacht hat.

Zieht man zu Gunsten des Angeklagten Klehr in Betracht, dass der vom Zeugen de Ma. geschilderten Fall mit einer der vier vom Zeugen Wei. am 28.9.1942 beobachteten Tötungshandlungen