Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.679

glaubhaft bekundet, dass der Angeklagte Klehr noch Anfang 1943 als SDG im HKB gewesen sei. Der Zeuge Glo., der als Schreiber auf dem Block 20 ständig mit dem Angeklagten Klehr zu tun hatte und ihn fast täglich gesehen hat, hat gemeint, dass Klehr bis ungefähr Mitte 1943 die Funktionen eines SDG im HKB ausgeübt habe. Das gleiche haben die Zeugen Sta., der als Pfleger im Stammlager bis Sommer 1943 eingesetzt war, und der Zeuge Wei., der dem Angeklagten Klehr im Zimmer Nr.1 im Block 20 wiederholt bei der Tötung von Häftlingen assistieren musste, bekundet.

 

Der Zeuge Fa. hat ausgesagt, dass der Angeklagte Klehr im Winter 1942/43 zwar Chef des Desinfektionskommandos geworden sei, dass er aber daneben noch als SDG bis zum Frühjahr 1943 im HKB tätig gewesen sei.

Der Zeuge Kark., der erst im Januar 1943 als Typhuskranker in den Block 20 gekommen ist und nach seiner Genesung Hilfspfleger auf Block 19 wurde, hat nach seiner glaubhaften Bekundung ebenfalls noch den Angeklagten Klehr als SDG erlebt. Er hat ihn noch im Februar und März 1943 im HKB gesehen. Allerdings seien zu dieser Zeit - so hat der Zeuge bekundet - auch noch andere SDGs im HKB gewesen, nämlich Nierwicki und der Angeklagte Hantl. Die SDGs hätten sich im Dienst irgendwie abgewechselt.

Schliesslich haben die Zeugen Dr. P., Dr. Kl., Rei. und Glo. übereinstimmend glaubhaft bekundet, worauf noch zurückzukommen sein wird, dass der Angeklagte Klehr am Heiligen Abend 1942 im HKB eine selbständige Selektion in Abwesenheit des Arztes durchgeführt und anschliessend die von ihm ausgesonderten Häftlinge in Block 20 durch Phenol getötet hätte.

 

Aus all diesen Zeugenaussagen hat das Schwurgericht die Überzeugung gewonnen, dass der Angeklagte Klehr nicht nur - wie er sich einlässt - bis zum Juli 1942, sondern mindestens bis zum Frühjahr 1943 als SDG im HKB tätig gewesen ist, auch wenn er schon vorher Leiter des Desinfektionskommandos geworden ist.

 

Die Anzahl der von dem Angeklagten Klehr durch Phenolinjektionen eigenhändig getöteten Häftlinge, die vom Lagerarzt Dr. Entress zur Tötung bestimmt worden sind, konnte auch nicht annähernd festgestellt werden. Der Zeuge Glo. schätzt die Zahl der durch Phenol getöteten Menschen auf ca. 30000. Er konnte jedoch aus verständlichen Gründen nicht angeben, wieviel Häftlinge durch Funktionshäftlinge und andere SDGs ohne Anwesenheit des Angeklagten Klehr getötet worden sind. Daher lässt sich schon aus diesem Grunde die Anzahl der von Klehr eigenhändig getöteten Häftlinge nicht ermitteln. Im übrigen hat das Gericht keine Möglichkeit, ob die Schätzung des Zeugen zutreffend ist, zu überprüfen.

Der Zeuge Gl. hat zunächst gemeint, dass der Angeklagte Klehr mehrere 10000 getötet habe. Dann hat er die Anzahl der von Klehr Getöteten auf 18-20000 geschätzt. Schliesslich hat er erklärt, dass er mit voller Bestimmtheit sagen könne, das Klehr mehr als 10000 durch Injektionen "eigenmächtig und eigenhändig" getötet habe. Auch diese Angaben, deren Richtigkeit nicht überprüft werden konnte, erschienen dem Schwurgericht zu unbestimmt, um sie zur Grundlage von sicheren Feststellungen und zur Grundlage des Urteils machen zu können.

Der Zeuge Wei. hat zunächst gemeint, dass Klehr in seiner Gegenwart vielleicht 700 bis 1000 Menschen getötet habe. Er hat jedoch hinzugefügt, dass er die Opfer nicht gezählt habe. Dann meinte er, nachdem er erneut nach der Anzahl der von Klehr getöteten Opfer gefragt worden ist, Klehr habe einige "Zehner" getötet, es könnten auch mehr oder weniger gewesen sein. Schliesslich schätzte er die Zahl der von Klehr in seiner Gegenwart getöteten Menschen auf 100 bis 1000. Das gelte jedoch nur für die Zeit von August 1942 bis Sommer 1943.

 

Das Schwurgericht hat sich, da es unsichere Schätzungen nicht zur Grundlage des Urteils machen durfte, darauf beschränkt, Mindestzahlen festzustellen, wenn auch anzunehmen ist, dass Klehr während der langen Zeit seiner Tätigkeit im HKB mehrere tausend Häftlinge, die vom Lagerarzt bei den sog. "Arztvorstellern" für die Tötung bestimmt worden waren, getötet hat, abgesehen von den im HKB durch den Lagerarzt selektierten und den vom Angeklagten Klehr eigenmächtig ausgesonderten Häftlingen, worauf