Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.677

getötet zu haben.

Im übrigen hat er sich wie folgt hierzu eingelassen:

 

Als er als SDG im HKB eingesetzt worden sei, hätte der Lagerarzt Dr. Entress bereits kranke und schwache Häftlinge zur Tötung ausgesucht und durch Funktionshäftlinge töten lassen. Ursprünglich seien die tödlichen Injektionen in die Armvenen der Opfer gegeben worden. Ein Funktionshäftling namens Werl habe dies im Leichenkeller des Blockes 28 gemacht. Er - der Angeklagte - habe ihn einmal dabei überrascht, als er noch nichts von den Phenolinjektionen gewusst habe. Auf seine Frage, wer ihm das befohlen habe, habe Werl geantwortet: "Der Lagerarzt Dr. Entress." Anschliessend habe er - der Angeklagte - sich bei dem Unterscharführer Ulzenhöfer wegen des Vorfalls erkundigt. Dieser habe ihm geantwortet, er solle sich nicht darum kümmern, das sei von Dr. Entress befohlen und werde schon seit Mitte 1941 so gemacht.

Ab Frühjahr 1942 seien dann die tödlichen Injektionen im Zimmer Nr.1 des Blockes 20 gegeben worden. Er selbst habe die Funktionshäftlinge beaufsichtigen müssen, wenn sie dann die von Dr. Entress ausgesuchten Häftlinge durch Phenolinjektionen getötet hätten.

 

Einmal habe er beobachtet, wie ein Blockältester einen Häftling aus dem Lager in den Block 28 geführt habe, der nicht dem Lagerarzt vorgestellt worden sei. Er habe dann andere Häftlinge gefragt, was das bedeuten solle. Durch eigene Nachforschungen habe er festgestellt, dass der Rapportführer Palitzsch und der Lagerführer Aumeier Häftlinge, die ihnen missliebig gewesen seien, durch Funktionshäftlinge im HKB durch Phenolinjektionen hätten töten lassen. Er habe sofort dem Lagerarzt Dr. Entress gemeldet, dass im HKB Häftlinge durch Phenolinjektionen getötet würden, die nicht von ihm - dem Lagerarzt - ausgesondert worden seien. Dr. Entress habe ihm daraufhin befohlen, in Zukunft selbst das Phenol zu holen und selbst die von ihm - dem Lagerarzt - ausgesonderten Häftlinge durch Injektionen zu töten. Er - der Angeklagte - habe daraufhin Dr. Entress inständig gebeten, davon abzusehen. Dr. Entress habe ihm jedoch gedroht, er werde ihn an die Schwarze Wand stellen, wenn er seinen Befehl nicht ausführe. Er - der Angeklagte - habe sich daher in einer Zwangslage befunden. In dieser Zwangslage habe er in der Folgezeit während eines Zeitraumes von etwa zwei bis drei Monaten bis Juli 1942 wöchentlich zweimal jeweils 12-15 Menschen, die von Dr. Entress für den Tod ausgewählt worden seien, durch Phenolinjektionen eigenhändig getötet. Insgesamt habe er 250-300 Häftlinge auf diese Weise umgebracht. Während seiner Zeit seien nur jüdische Häftlinge im HKB zur Tötung mit Phenol oder zur Vergasung ausgesondert worden. Im Juli 1942 sei er als SDG im Stammlager abgelöst worden. Danach habe er mit den Selektionen im HKB und den Phenolinjektionen nichts mehr zu tun gehabt.

 

Die Einlassung des Angeklagten Klehr entspricht nur teilweise der Wahrheit und ist nur zum Teil glaubhaft. Es kann ihm geglaubt werden, dass das geschilderte Verfahren bei den sog. Arztvorstellern bereits vor seiner Versetzung nach Auschwitz in dem HKB des Stammlagers praktiziert wurde. Zutreffend ist auch, dass Funktionshäftlinge bereits vor seinem Eintreffen im HKB die vom Lagerarzt ausgesonderten Kranken und schwachen Häftlinge durch Phenolinjektionen getötet haben. Der Zeuge de Ma. hat bestätigt, dass in der ersten Zeit zwei polnische Häftlinge namens Stössel und Panczyk im Block 28 die vom Lagerarzt zur Tötung ausgewählten Häftlinge getötet haben. Auch der Zeuge Dr. F. hat das gleiche bekundet. Die Häftlinge Panczyk und Stössel hätten sich noch damit gebrüstet - so hat dieser Zeuge ausgesagt - dass sie eine gewisse Fertigkeit im Töten von Häftlingen hätten. Klehr habe teilweise nur die Aufsicht geführt, wenn diese beiden Funktionshäftlinge die kranken und schwachen Häftlinge umgebracht hätten. Der Zeuge Oz., der im Oktober 1941 als Reiniger in den Operationssaal im Block 28 versetzt wurde und dort in dieser Funktion bis zum Februar 1942 blieb, hat wiederholt erlebt, dass Klehr und der Häftling Panczyk in den Operationssaal des Blockes 28 hineingingen und sich Häftlinge in den Operationssaal bringen liessen. Der Zeuge wurde dann - wie er glaubhaft bekundet hat - von dem Angeklagten Klehr aus dem Operationssaal hinausgeschickt. Vorher musste er häufig Spritze, Nadel und Phenol bereitstellen. Nach ein bis zwei Stunden wurden dann die