Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.676

die bereits mit Phenol gefüllt war, stiess die Nadel der Spritze der Häftlingsfrau in das Herz und spritzte das Phenol der Frau unmittelbar in das Herz. Die Frau fiel sofort um und starb auf der Stelle. Gegen sie lag, wie der Angeklagte Klehr wusste, kein Todesurteil vor.

 

c. (Eröffnungsbeschluss Ziffer 2c) Im Sommer 1942 wurde ein russischer Politkommissar in Uniform in einem Sanka auf den Block 20 gebracht. Er wurde in das Zimmer Nr.1 hineingeführt. Dort befand sich der Angeklagte Klehr mit zwei Funktionshäftlingen. Klehr wollte den russ. Kommissar mit einer Phenolinjektion töten. Er befahl ihm, sich auf einen Schemel zu setzen, seinen Uniformrock aufzuknöpfen und die Brust frei zu machen. Als dies geschehen war, bedeckten die beiden Funktionshäftlinge das Gesicht des Mannes und stützten ihn im Rücken. Als ihm der Angeklagte Klehr die Phenolspritze in das Herz hineinstossen wollte, sprang der russ. Kommissar, der plötzlich misstrauisch geworden war, auf, nahm den Hocker und bedrohte damit den Angeklagten Klehr. Einer der Funktionshäftlinge schlug daraufhin den russ. Kommissar von hinten mit dem Schürhaken über den Kopf, so dass er blutend zusammenbrach. Er wurde im Liegen von den Funktionshäftlingen gehalten, während ihm der Angeklagte Klehr die Nadel der Rekordspritze, die mit Phenol gefüllt war, in das Herz stiess und das Phenol in das Herz spritzte. Der russ. Kommissar starb unmittelbar danach. Gegen ihn lag - wie der Angeklagte Klehr wusste - kein Todesurteil vor.

 

d. (Eröffnungsbeschluss Ziffer 2i) Im Jahre 1942 oder 1943 wurden eines Tages zwei Häftlingsfrauen mit dem Sanka von Birkenau in das Stammlager gebracht. Beide sollten aus nicht näher aufzuklärenden Gründen getötet werden. Die eine Frau war eine Deutsche, die andere eine Polin namens Terlikowska. Beide wurden in den Block 20 hineingeführt. Dort wurden sie auf dem Zimmer Nr.1 von dem Angeklagten Klehr nacheinander auf die übliche Weise durch Phenol getötet. Gegen beide Frauen lag kein Todesurteil vor. Das war dem Angeklagten Klehr bekannt. Die Leichen der beiden Frauen blieben zunächst im Ärztezimmer liegen. Später wurden sie von Leichenträgern abgeholt.

 

e. (Eröffnungsbeschluss Ziffer 2k) Im HKB war ein holländischer jüdischer Arzt namens Samson als Häftlingspfleger beschäftigt. Eines Tages erregte dieser Häftling aus irgend einem nichtigen Anlass das Missfallen des Angeklagten Klehr. Klehr schlug den Häftling mit dem Schürhaken. Dr. Samson lief weg. Der Angeklagte Klehr lief hinter ihm her und schlug ihn, wohin er ihn gerade traf. Dr. Samson brach schliesslich blutend zusammen. Er lebte aber noch. Der Angeklagte Klehr liess ihn dann von Häftlingen in das Zimmer Nr.1 des Blockes 20 bringen. Dort tötete er den misshandelten Häftling Dr. Samson mit einer Phenolinjektion auf die übliche Weise.

 

III. Die Einlassung des Angeklagten Klehr, Beweismittel, Beweiswürdigung

 

1.

 

Die Feststellungen zum Lebenslauf des Angeklagten Klehr beruhen auf seiner eigenen Einlassung.

 

2. Zu II.1.

 

Die Feststellungen unter II.1. beruhen auf der Einlassung des Angeklagten Klehr, soweit ihr gefolgt werden konnte, sowie den glaubhaften Aussagen der Zeugen Dr. Kl., Glo., Dr. F. und Dr. P.

Der Angeklagte Klehr hat eingeräumt, dass er als SDG im HKB dem Lagerarzt Dr. Entress bei der "Untersuchung" der Neukranken, der sog. "Arztvorsteller" oder "Arztvormelder" assistiert hat. Er hat auch zugegeben, dass der Lagerarzt Dr. Entress bei diesen "Untersuchungen" jeweils einen Teil der Neukranken in der geschilderten Weise für die Tötung durch Phenol ausgewählt hat. Schliesslich hat er eingeräumt, zwischen Frühjahr und Juli 1942 eigenhändig die von dem Lagerarzt Dr. Entress zur Tötung ausgewählten Neukranken durch Phenolinjektionen auf dem Zimmer Nr.1 in Block 20