Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.672

noch nicht - wie später - vergast, weil die Bauernhäuser noch nicht umgebaut und die vier Krematorien in Birkenau noch nicht gebaut waren. Man liess die Häftlinge, die man liquidieren wollte, im Block Nr.4 durch Hunger umkommen und quälte sie durch Appellstehen während des ganzen Tages und während jeder zweiten Nacht. An Verpflegung erhielten die Häftlinge im "Wartesaal des Todes" nur einmal in der Woche einen oder zwei Liter Suppe für drei bis fünf Personen und je einmal in der Woche 1400 g. Brot für acht bis zehn Personen. Infolge des Hungers, des ständigen Appellstehens und auf Grund sonstiger Schikanen starben die Häftlinge nacheinander. Von den 300 Häftlingen starben in der Zeit vom 20.April bis zum 3.Mai 1942 280 Menschen. Unter den 300 Häftlingen, die vom Saal Nr.10 nach Birkenau "überstellt" worden waren, befand sich auch der Zeuge Ga. Er konnte sich nur deswegen im Block 4 in Birkenau am Leben erhalten, weil ihm ein Häftlingsarzt auf der Latrine heimlich Brot zusteckte. Zum Dank trug der Zeuge dem Häftlingsarzt Gedichte vor. Was mit den restlichen 19 Häftlingen, die am 3.5.1942 noch am Leben waren, geschehen ist, konnte nicht festgestellt werden. Wahrscheinlich sind sie nach diesem Zeitpunkt noch umgebracht worden.

Der Häftling Ga. wurde in der Folgezeit durch Bemühungen von Häftlingskameraden im Stammlager vor dem Tode bewahrt. Er kam im September 1942 wieder in das Stammlager zurück. Seine Karteikarte war bereits aus der Kartothek herausgenommen und in der sog. Totenkartei abgelegt worden.

 

Der Angeklagte Klehr wusste bei der Verladung der 300 Häftlinge auf die LKWs, dass sie wegen ihrer Arbeitsunfähigkeit als unnütze Esser und überflüssige Belastung des Lagers in Birkenau "liquidiert" werden sollten. Wie bereits ausgeführt war ihm der Begriff "Überstellung" bekannt. Er wusste, dass "Überstellung" Tötung bedeutete. Dem Angeklagten Klehr war auch klar, dass er durch die Beaufsichtigung der Verladung der Opfer auf die LKWs einen kausalen Beitrag zu der Tötung der Opfer leistete.

 

5. Die Mitwirkung des Angeklagten Klehr bei der Tötung von 700 Infektionskranken

(Eröffnungsbeschluss Ziffer 1b)

 

Im Juli/August 1942 herrschte im Stammlager eine schwere Fleckfieberepidemie. Der Block 20 reichte zur Aufnahme der Fleckfieberkranken nicht mehr aus. Es wurde daher eine besondere Holzbaracke zwischen Block 28 und der Bekleidungskammer (Block 27) errichtet, in der ausschliesslich Fleckfieberkranke untergebracht wurden. Als die Epidemie auch auf die SS-Angehörigen übergriff, kam von Berlin die Anordnung, dass man unter allen Umständen der Epidemie Einhalt gebieten müsse. Zwischen dem SS-Standortarzt und dem WVHA in Berlin wurden mehrere Telefongespräche geführt, in denen darüber gesprochen wurde, was mit den Fleckfieberkranken zu geschehen habe. Schliesslich befahl man in Berlin, dass alle Fleckfieberkranken zu "liquidieren" seien. Der Befehl ging dahin, dass alle im Block 20 und in der Holzbaracke untergebrachten Fleckfieberkranken, auch die Rekonvaleszenten sowie alle Häftlingsärzte und die Häftlingspfleger, die mit den Kranken zu tun gehabt hatten, zu töten seien. Hierdurch wollte man erreichen, dass der Infektionsherd beseitigt und die Möglichkeit einer Ansteckung von SS-Angehörigen ausgeschaltet werde. Auf Grund des Befehls von Berlin wurde dann eine Liste aller im Block 20 und in der zu Block 20 gehörenden Holzbaracke befindlichen Kranken und der mit der Behandlung und Pflege dieser Kranken befassten Häftlingsärzte und Häftlingspfleger aufgestellt. Auf der Liste waren über 1000 Namen. Der Zeuge Dr. F., der Zeuge Dr. Kl. und der Zeuge Glo. erreichten jedoch durch Verhandlungen mit dem Standortarzt und dem Lagerarzt Dr. Entress, dass die Häftlingsärzte und Häftlingspfleger von der Vernichtungsaktion ausgenommen und von der aufgestellten Liste wieder gestrichen wurden.

 

Am Morgen des 29.8.1942 wurde Lagersperre angeordnet. Bereits gegen 6 Uhr kamen SS-Männer und umzingelten den Block 20 und die Holzbaracke. Alle in dem Block 20 und in der Holzbaracke befindlichen Kranken mussten auf den Hof zwischen Block 20 und 21 antreten. Unter ihnen befanden sich Schwerkranke, die nicht mehr laufen konnten. Sie wurden von den kräftigeren Häftlingen getragen. In Block 20 lagen aber auch