Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.671

herausgesucht hatte, wurden später zu einer der Gaskammern in Birkenau gebracht und dort durch Zyklon B getötet.

 

b. Ende April/Anfang Mai 1943 führte der Angeklagte Klehr im Saal Nr.8 im Block 20 eine eigenmächtige Selektion durch.

In dieser Zeit wurde eines Tages in Saal Nr.8 des Blockes 20 bekannt gegeben, dass die Häftlinge sich bereit halten sollten, da der SS-Lagerarzt zur Visite käme. Jedem Kranken wurde daraufhin seine Karteikarte in die Hand gegeben. Plötzlich erschien der Angeklagte Klehr. Er begab sich zu dem Stubenältesten, einem Reichsdeutschen namens Wutschke, der im Saal in einem von dem Krankensaal besonders abgetrennten Raum wohnte. Dort wartete der Angeklagte Klehr zusammen mit dem Stubenältesten auf den SS-Lagerarzt. Als dieser nach längerem vergeblichem Warten nicht erschien, wurde der Angeklagte Klehr ungeduldig. Er sprach irgendetwas mit dem Stubenältesten. Dieser zeigte auf die rechte Seite des Saales. Dort waren inzwischen die kranken Häftlinge aufgestellt worden. Klehr begab sich nun zu den wartenden Häftlingen und sonderte 70 von den Kranken aus, wobei er anordnete, dass sie nach Birkenau zu "überstellen" seien. Die 70 waren holländische Juden.

Die "Überstellung" nach Birkenau bedeutete, was jeder Eingeweihte, auch der Angeklagte Klehr, wusste, Vergasung in einer der Gaskammern in Birkenau. Die 70 ausgesonderten Menschen wurden noch am gleichen Tag nach Birkenau gebracht. In der Schreibstube des HKB wurden sie von der Stärke als nach Birkenau "überstellt" abgesetzt. In Birkenau wurden die 70 jüdischen holländischen Häftlinge in einer der Gaskammern durch Zyklon B getötet.

 

4. Die Mitwirkung des Angeklagten Klehr bei der Tötung von 280 Schonungskranken

aus dem Block 20 des Häftlingskrankenbaues

(Eröffnungsbeschluss Ziffer 1a)

 

Im April 1942 gehörte der Block 20 im Stammlager bereits zu dem HKB. Er diente zur Unterbringung von Infektionskranken. Im Saal Nr.10 des Blockes 20 lagen zu dieser Zeit sog. Schonungsfälle. Es waren Kranke, die schon wieder auf dem Weg der Besserung waren, jedoch noch nicht für Arbeiten im Lager eingesetzt werden konnten. Von irgendeiner Stelle wurde eines Tages der Befehl gegeben, dass diese Schonungskranken nach Birkenau zu bringen und dort zu liquidieren seien. Zwei Tage vor dem 20.4.1942 erschien der Angeklagte Klehr auf Block 20 und verlas die Nr. und Namen von 15-20 Häftlingen, die auf dem Saal Nr.10 lagen. Die aufgerufenen Häftlinge mussten vortreten und sich dem Angeklagten Klehr vorstellen. Dieser musterte sie kurz und liess dann einige von ihnen in das Lager entlassen. Der Rest musste ebenso wie alle anderen im Saal Nr.10 befindlichen dableiben.

 

Am 20.4.1942 mussten alle im Saal Nr.10 liegenden Schonungskranken aufstehen und vor dem Block Nr.20 antreten. Sie sollten nach Birkenau gebracht und dort durch Hunger und sonstige Schikanen umgebracht werden. Offiziell wurden diese Häftlinge nach Birkenau "überstellt", d.h. sie wurden von der Lagerstärke des Stammlagers abgesetzt und auf ihre Karteikarten wurde vermerkt, dass sie nach Birkenau "überstellt" seien. Die Karteikarten wurden aus der "Lebendenkartei" in die "Totenkartei" abgelegt. Der Angeklagte Klehr wusste, dass "Überstellungen" nach Birkenau Liquidierung bedeutete. Wenn Häftlinge nur in ein anderes Lager versetzt wurden, wurde der Ausdruck "verlegt nach ..." gebraucht.

Nachdem die Häftlinge aus dem Saal Nr.10 des Blockes 20 vor dem Block angetreten waren, wurden sie im Beisein des Angeklagten Klehr auf LKWs verladen. Der Angeklagte Klehr wachte darüber, dass alle Häftlinge, die sich im Saal Nr.10 des Blockes 20 befunden hatten, die LKWs bestiegen und dann nach Birkenau gebracht wurden. Es waren insgesamt 300 Personen.

 

In Birkenau wurden die Häftlinge in die Baracke Nr.4 gebracht, die später die Nr.7 erhielt. Sie ist bereits bei der Erörterung der Straftaten des Angeklagten Hofmann erwähnt worden. Bereits im April 1942 hiess diese Baracke im Lagerjargon "Wartesaal des Todes". Damals wurden die Muselmänner und die kranken und schwachen Häftlinge