Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.668

Die Häftlinge, die mit ihrer Tötung rechneten, waren jedoch infolge Hunger und Krankheit bereits so apathisch, dass sie sich ohne Widerstand in ihr Schicksal ergaben.

 

Dann kam der Angeklagte Klehr von der Lagerstrasse her durch den Haupteingang auf den Block 20. Er begab sich auf das Zimmer Nr.1 des Blockes 20, das - vom Haupteingang aus gesehen - unmittelbar links neben dem Haupteingang lag. Von den wartenden Häftlingen konnte er nicht gesehen werden, da der Korridor hinter der Tür des Zimmers Nr.1 - vom Haupteingang aus gesehen - durch einen Vorhang abgeteilt war, so dass der vordere Teil des Korridors - vom Haupteingang aus gesehen - von den wartenden Häftlingen nicht eingesehen werden konnte.

Im Zimmer Nr.1 fanden sich auch zwei Funktionshäftlinge ein, die dem Angeklagten Klehr bei den Tötungsaktionen assistieren mussten. In das Zimmer Nr.1 wurden dann nacheinander die im Waschraum oder auf dem Korridor wartenden Häftlinge einzeln oder zu zweit hineingeführt. Dort mussten sie sich auf einen Schemel setzen. Der eine der beiden Funktionshäftlinge hob dem Kranken den Arm und zwar so, dass er damit dessen Augen verdeckte, während der andere Funktionshäftling den Kranken im Rücken hielt. Der Angeklagte Klehr füllte eine Rekordspritze mit Phenol und stach dem sitzenden Häftling die Nadel der Spritze unmittelbar in das Herz. Danach spritzte er sofort den Inhalt der Spritze in das Herz des Häftlings. Der kranke Häftling fiel sogleich um. Er starb meist unmittelbar nach der Injektion. Manche Opfer lebten auch noch einige Sekunden oder Minuten. Die Opfer wurden dann von den assistierenden Funktionshäftlingen in den dem Zimmer Nr.1 gegenüberliegenden zweiten Waschraum gebracht, wo die Leichen der Opfer aufgestapelt und später von Leichenträgern weggebracht wurden. Häufig waren die Leichenträger auch schon während der Tötungsaktionen im Waschraum. Sie nahmen dann die Leichen der Opfer von den Funktionshäftlingen an der Tür des Zimmers Nr.1 entgegen und brachten sie zunächst in den Waschraum, wo sie bis zur Beendigung der Aktion liegen blieben.

 

Der Angeklagte Klehr hat in der Zeit von Frühjahr 1942 bis Frühjahr 1943 dem SS-Lagerarzt Dr. Entress in einer unbestimmten Anzahl von Fällen auf die geschilderte Weise bei der "Untersuchung" der sog. "Arztvorsteller" assistiert und anschliessend die vom Lagerarzt Dr. Entress zur Tötung ausgewählten Häftlinge eigenhändig durch Phenolinjektionen getötet.

 

Der Angeklagte Klehr hat den SS-Lagerarzt auch bei "Visiten" durch die Krankensäle des HKB (vgl. oben 2. Abschnitt VII.4.b.) begleitet. Bei diesen "Visiten" wurden jüdische Häftlinge, die krank und schwach waren, ebenfalls nur deswegen zur Tötung ausgewählt, weil sie nicht mehr nützlich erschienen. Der Lagerarzt rechnete bei ihnen nicht mehr mit einer baldigen Wiederherstellung der Arbeitskraft. Sie galten nur als unnütze Belastung für das Lager. Ihre Beseitigung erschien daher zweckmässig.

Der Angeklagte Klehr achtete bei den Selektionen im HKB darauf, dass keiner der vom SS-Lagerarzt ausgesonderten Häftlinge von Funktionshäftlingen gerettet werden konnte oder dass er sich auf andere Weise seinem Schicksal entzog. Er sorgte dafür, dass alle für den Tod bestimmten Häftlingen auf den Block 20 gebracht wurden. Da er die Karteikarten der ausgewählten Häftlinge erhielt, konnte er jederzeit überprüfen, dass auch alle selektierten Häftlinge zu Block 20 kamen. Ausserdem wurde anhand der Karteikarten eine Liste aufgestellt, die die Namen und Nummern aller selektierten Häftlinge enthielt.

Der Angeklagte Klehr tötete dann auf Block 20 die im HKB ausgewählten jüdischen Häftlinge auf die gleiche Weise wie die sog. "Arztvorsteller".

Die Anzahl der durch den Angeklagten Klehr nach solchen Selektionen im HKB getöteten Häftlinge ist ebenfalls unbestimmt.

 

Insgesamt hat der Angeklagte Klehr in der Zeit vom Frühjahr 1942 bis Juli 1942 mindestens 250 Häftlinge, die teils bei den sog. Arztvorstellern, teils im HKB bei kleinen Selektionen vom SS-Lagerarzt für die Tötung ausgewählt worden sind, durch Phenolinjektionen getötet.

In der Zeit vom 1.8.1942 bis Frühjahr 1943 hat der Angeklagte Klehr mindestens weitere sechs Häftlinge, die vom SS-Lagerarzt entweder bei den Arztvorstellern oder im