Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.666

Er wurde dann noch im Nebenlager Gleiwitz eingesetzt, wo er bis zur Evakuierung des Lagers im Jahre 1945 blieb. Nach der Räumung des Lagers begleitete er einen Häftlingstransport nach Gross-Rosen. Auf dem Marsch will er jedoch nur Sanitätsdienste gemacht haben.

 

Von Gross-Rosen aus kam der Angeklagte mit einer in Gross-Rosen zusammengestellten SS-Einheit noch zum Fronteinsatz in der Tschechoslowakei. Er geriet am 2.5.1945 in Österreich in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Über verschiedene Kriegsgefangenenlager kam er schliesslich in das Kriegsgefangenenlager Böblingen. Hier wurde er von der Lagerspruchkammer wegen seiner Zugehörigkeit zur allgemeinen und zur Waffen-SS zu 3 1/2 Jahren Arbeitslager verurteilt. In der Berufungsinstanz wurde die Strafe auf 3 Jahre ermässigt.

Der Angeklagte wurde im Jahre 1948 nach Braunschweig entlassen, wo sich inzwischen seine Familie niedergelassen hatte. In den folgenden Jahren arbeitete er wieder als Tischler. Zuletzt war er bei der Firma Büssing tätig.

Der nicht vorbestrafte Angeklagte hat im Jahre 1933 geheiratet. Aus seiner Ehe sind zwei Söhne hervorgegangen.

Er befindet sich in dieser Sache seit dem 17.9.1960 in Untersuchungshaft.

 

II. Tatsächliche Feststellungen

 

1. Die Mitwirkung des Angeklagten Klehr bei Selektionen durch den Lagerarzt im

HKB und die Tötung der durch den Lagerarzt ausgesonderten Häftlinge durch den

Angeklagten Klehr

(Eröffnungsbeschluss Ziffer 2)

 

Der Angeklagte Klehr wurde im Oktober 1941 sofort nach seiner Ankunft im KL Auschwitz als Sanitätsdienstgrad (SDG) im HKB des Stammlagers eingesetzt. SS-Lagerarzt im Stammlager war zu dieser Zeit Dr. Entress. Ihm unterstand der Angeklagte Klehr unmittelbar. Ausser dem Angeklagten Klehr waren im Herbst 1941 noch die SS-Unterscharführer Ulzenhöfer und Sicklinger als SDGs tätig. Beide wurden jedoch bald versetzt. Der Angeklagte Klehr war dann ab Anfang 1942 längere Zeit der einzige SDG im HKB des Stammlagers. Später kamen nacheinander weitere SDGs in den HKB, so die Angeklagten Scherpe und Hantl und der SS-Unterscharführer Nierwicki. Klehr hatte, wenn neben ihm noch andere SDGs im HKB eingesetzt waren, den Rang eines ersten SDG. Seine offizielle Aufgabe als SDG war es, dafür zu sorgen, dass die Anordnungen des SS-Lagerarztes im HKB beachtet und seine Anweisungen durchgeführt wurden. Ferner sollte er auf Ordnung und Sauberkeit im HKB achten. Für alles, was im HKB geschah, war er dem SS-Lagerarzt gegenüber verantwortlich. Schliesslich musste er den SS-Lagerarzt bei "Visiten", Kontrollen und Selektionen begleiten und ihm dabei helfen.

 

Als der Angeklagte Klehr SDG im HKB war, fanden - wie schon im zweiten Abschnitt unter VII.4 kurz ausgeführt - fast täglich Selektionen durch den Lagerarzt bei den sog. "Arztvorstellern" oder "Arztvormeldern" statt. Häftlinge, die sich krank fühlten, mussten sich entweder beim Abendappell oder beim Morgenappell beim Blockältesten krank melden. Dieser führte die Kranken zu dem Rapportführer, der sie nach dem Appell von Häftlingspflegern auf den Block 28 bringen liess. Dort wurden die Krankmelder von einem Häftlingsarzt untersucht. Der Häftlingsarzt teilte sie in zwei Gruppen ein: Die eine Gruppe durfte zunächst im HKB bleiben und sollte dem Lagerarzt vorgestellt werden. Bei der anderen Gruppe reichte nach der Auffassung des Häftlingsarztes eine ambulante Behandlung aus. Die Häftlinge dieser Gruppe wurden nach Verabreichung von Medikamenten, sofern welche vorhanden waren, oder nach einer sonstigen Behandlung (z.B. Anlegen von Verbänden) wieder auf ihre Blöcke zurückgeschickt.

Die Häftlinge, die sich abends krank meldeten und nach der Untersuchung durch den Häftlingsarzt im HKB bleiben durften, verbrachten die Nacht in der Stube Nr.7 des Blocks 28. Die Häftlinge, die sich morgens krank meldeten, kamen nach der Untersuchung