Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.664

10. Der Antrag (XIX),

a. eine Auskunft des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung einzuholen zum Beweise dafür,

dass das durchschnittliche Monatseinkommen des männlichen Arbeiters im deutschen Baugewerbe 841.- DM monatlich beträgt,

b. eine Auskunft der Bundesstelle für Aussenhandelsinformationen in Köln einzuholen zum Beweise dafür, dass

aa. die monatlichen Bruttolöhne in der kollektivierten Bauwirtschaft in Polen etwa umgerechnet 355.- DM betragen,

bb. die monatlichen Bruttolöhne in der kollektivierten Bauwirtschaft der Tschechoslowakei etwa 375.- DM betragen,

cc. der Monatslohn aller Industriearbeiter und Angestellten in Rumänien monatlich zwischen 178.- und 378.- DM beträgt,

war gemäss §244 Abs.III StPO abzulehnen, da die behaupteten Tatsachen für die Entscheidung ohne Bedeutung sind.

 

11. Der Antrag,

durch Anfrage bei den hierfür zuständigen Stellen festzustellen, wieviel jüdische Häftlinge die Lagerzeit im KL Auschwitz überlebt haben,

war abzulehnen, da es sich bei diesem Antrag nicht um einen Beweisantrag, sondern um einen Beweisermittlungsantrag handelt. Das Gericht hat keine Veranlassung, von Amts wegen Ermittlungen darüber anzustellen, wieviel jüdische ehemalige Häftlinge aus dem KL Auschwitz das Lager überlebt haben. Dass frühere jüdische Gefangene die Lagerzeit überlebt haben, steht mit Sicherheit fest. Denn das Gericht hat eine Reihe jüdischer Zeugen vernommen, die früher im KL Auschwitz gefangengehalten worden sind. Für die Entscheidung ist es jedoch ohne Bedeutung, wieviel ehemalige jüdische Gefangene das Lager Auschwitz überlebt haben.

 

VII. Strafzumessung

 

Der Angeklagte Dr. Capesius gehörte als Apotheker ebenfalls dem ärztlichen Dienst im weiteren Sinne an. Auch er unterstand dem Standortarzt und dem Amt D III im WVHA. Sein Beruf verpflichtete ihn ebenfalls, menschliches Leben zu erhalten und kranken Menschen zu helfen. Er stammte aus einer Arztfamilie, so dass er schon früh mit den Aufgaben und Pflichten eines Arztes und dem von den Ärzten zu fordernden Berufsethos vertraut war. Gleichwohl liess er sich zur Mithilfe bei den Vernichtungsaktionen missbrauchen. Er übte dabei die den Ärzten vorbehaltenen Funktionen, die - wie bereits bei dem Angeklagten Dr. Frank ausgeführt - in diametralem Gegensatz zu den eigentlichen ärztlichen Aufgaben standen, aus. Für den Unrechtsgehalt seiner Beihilfehandlungen gilt daher zunächst das gleiche, was hierzu bereits beim Angeklagten Dr. L. unter VI. 150 ausgeführt worden ist.

 

Die Tatbeiträge des Angeklagten Dr. Capesius wiegen jedoch erheblich schwerer als die der Angeklagten Dr. L. und Dr. Frank. Denn die jüdischen Menschen, die ihm auf der Rampe begegneten, stammten aus seiner Heimat und waren zum Teil persönlich mit ihm bekannt. Er selektierte nicht nur eine anonyme Masse, sondern schickte seine ihm zum Teil persönlich bekannten Landsleute ins Gas. Er scheute sich nicht, Bekannte aus seiner Heimat, die sich vertrauensvoll an ihn wandten, in zynischer Weise zu täuschen. So spiegelte er dem Zeugen Dr. Bern. vor, er werde in einer Stunde wieder mit seiner Frau und seinen Kindern zusammen sein, obwohl er genau wusste, dass Dr. Bern. bereits in wenigen Stunden von dem wirklichen Schicksal seiner Familie erfahren musste. Besonders gravierend ist, dass er die Frau des Zeugen Dr. Schli., den er von früher her kannte, und der sich vertrauensvoll an ihn wandte, in die Gaskammer schickte, nachdem er dem Zeugen vorgespiegelt hatte, "es werde alles gut". Von Zynismus und Gefühlskälte zeugt auch sein Verhalten gegenüber dem Vater der Zeugin Krau. Die oben zitierte Äusserung, mit der er den Dr. Krau., den er als Arzt ohne weiteres in das Lager hätte aufnehmen können, in das Gas geschickt hat, offenbart nicht nur erhebliche charakterliche Mängel des Angeklagten, sondern lässt auf eine verwerfliche Gesinnung schliessen. Seine Schuld wiegt daher erheblich schwerer als die des

150 i.d.V.: IV.