Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.654

Gleichwohl hat das Gericht die Möglichkeit einer Zwangslage im Sinne der §§52 oder 54 StGB untersucht.

Der Angeklagte Dr. Capesius hat bei seiner Einlassung zur Sache behauptet, er habe sich nach der Besprechung im Frühjahr 1944 bei Dr. Wirths gemeldet und habe ihn gebeten, ihn vom Rampendienst zu befreien, da er das nicht könne. Dr. Wirths habe ihm daraufhin erregt geantwortet, das sei Befehlsverweigerung, er werde ihn erschiessen lassen, wenn er darauf beharre. Er - Dr. Wirths - habe Sondervollmachten im KL. Daraufhin habe er - der Angeklagte - sich noch am gleichen Tag telefonisch an seinen Freund, den SS-Sturmbannführer Becker in Berlin gewandt und ihm mitgeteilt, dass er mit Mord bedroht werde. Becker sei einige Tage darauf nach Auschwitz gekommen. Er habe aber nicht mehr einzugreifen brauchen, da er - der Angeklagte - sich bereits mit dem SS-Arzt Dr. Klein über den Rampendienst geeinigt habe.

Becker habe dann in Berlin seinen Fall dem SS-Standartenführer Dr. Lolling (Chef des Amtes D III im WVHA und unmittelbarer Vorgesetzter des Dr. Wirths) weiter erzählt, und veranlasst, dass dieser zusammen mit ihm nach einiger Zeit nach Auschwitz gekommen sei, um zwischen ihm - dem Angeklagten - und Dr. Wirths zu vermitteln. Bei einem Abendessen hätte Dr. Lolling in Auschwitz erklärt, dass Dr. Wirths zu weit gegangen sei und dass er - der Angeklagte - die Drohung des Dr. Wirths entschuldigen solle. Dr. Wirths solle seinen Befehl zurücknehmen. Dr. Wirths habe daraufhin gesagt, Befehle müssten zwar befolgt werden, da er - der Angeklagte - sich aber mit Dr. Klein wegen des Rampendienstes geeinigt habe, sei dagegen nichts einzuwenden.

Folgt man dieser Einlassung des Angeklagten, so bestand für ihn, auch wenn ihm Dr. Wirths ursprünglich mit Erschiessen gedroht haben sollte, kein Zwang mehr, Selektionsdienst und Dienst an der Gaskammer zu machen. Gleichwohl hat er - wie auf Grund der Beweisaufnahme feststeht - Rampendienst und Dienst an der Gaskammer verrichtet. Nach seiner eigenen Einlassung kann er sich hierbei nicht in einem Befehlsnotstand oder einem allgemeinen Notstand befunden haben.

 

Sieht man einmal von der Einlassung des Angeklagten Dr. Capesius ab, so liegen ebenfalls keine Anhaltspunkte dafür vor, dass er sich in einem Notstand im Sinne der §§52 oder 54 StGB befunden habe.

 

Bei der Erörterung der Straftaten des Angeklagten Dr. L. ist bereits ausgeführt worden, dass es dem Zeugen Dr. M. als Unterscharführer und ohne Beziehungen in Berlin gelungen ist, durch eine Vorsprache bei Dr. Lolling Befreiung vom Rampendienst zu erreichen. Dr. Wirths hat die Weisung des Dr. Lolling, den Zeugen Dr. M. vom Rampendienst freizustellen, ohne weiteres befolgt. Nach der Überzeugung des Gerichts wäre es dem Angeklagten Dr. Capesius ebenfalls ohne weiteres gelungen, vom Rampendienst freigestellt zu werden, wenn er sich ernstlich darum bemüht hätte. Denn seine Situation war wesentlich günstiger als die des Dr. M. Er war nicht Arzt, sondern nur Apotheker, also weniger für den Rampendienst geeignet als der Zeuge Dr. M. Ferner hat er einen Bekannten des Dr. Lolling als Freund, nämlich den SS-Sturmbannführer Becker, gehabt, der im Rang höher als Dr. Wirths stand und den er um Vermittlung bei Dr. Wirths hätte bitten können. Schliesslich hätte der Angeklagte Dr. Capesius gegenüber seinem Freund Becker und Dr. Lolling noch in die Waagschale werfen können, dass er mit einer Halbjüdin verheiratet sei und ihm daher nicht zugemutet werden könne, an den Vernichtungsaktionen teilzunehmen. Dass Dr. Lolling sich gegenüber solchen Argumenten aufgeschlossen zeigte und bereit war, Ärzte, die sich dem Rampendienst nicht gewachsen fühlten, von diesem Dienst freizustellen, zeigt der Fall des Zeugen Dr. M.

 

Ferner spricht auch das Verhalten des Angeklagten Dr. Capesius auf der Rampe eindeutig gegen eine wirkliche oder vermeintliche Zwangslage. Wäre sein Wille tatsächlich gebeugt worden, hätte er nach der Überzeugung des Gerichts die jüdischen Menschen nicht in der geschilderten Weise über ihr bevorstehendes Schicksal getäuscht, auch hätte er nicht den Vater der Zeugin Krau. in den Tod geschickt. Dann hätte er nur das getan, was unumgänglich notwendig war und hätte im übrigen versucht, so viel Menschen wie nur irgend möglich zu retten. Schliesslich kann in diesem Zusammenhang nicht unberücksichtigt bleiben, dass sich der Angeklagte Dr. Capesius am Häftlingsgut