Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.652

Dr. Capesius das Gold für sich behalten hat. Denn ein anderer Grund, warum der Angeklagte durch Sulikowski das Gold hat einschmelzen lassen, ist nicht ersichtlich. Als Apotheker war er für das Einschmelzen des Goldes nicht zuständig. Die Zähne und Zahnprothesen waren an die SS-Zahnstation abzuliefern, die ein besonderes Schmelzkommando hatte. Der Angeklagte Dr. Frank war für die Ablieferung des Goldes verantwortlich.

Dass der Angeklagte Dr. Capesius das geschmolzene Gold auch behalten hat, ergibt sich eindeutig daraus, dass er Sulikowski gebeten hat, das Einschmelzen des Goldes und die Ablieferung desselben an ihn geheim zu halten. Hätte er das Gold nicht für sich behalten, sondern abliefern wollen, wäre diese Anweisung auf Geheimhaltung nicht erforderlich gewesen.

 

Der Zeuge Sze. hat weiter glaubhaft bekundet, dass er einmal auf Anweisung des Angeklagten Dr. Capesius einige Lederkoffer aus dem Sanka in das Magazin der Apotheke hätte tragen müssen. Der Angeklagte Dr. Capesius habe dann den Raum von innen abgeschlossen und mit ihm zusammen die in den Koffern befindlichen Sachen sortiert. Der Angeklagte habe die besten Stücke in einen besonderen Koffer hineingelegt und gesagt, das bleibe zu seiner Verfügung. Das Geld in fremder Währung habe er gleich in seine Tasche gesteckt, während er das deutsche Geld in den Koffern gelassen habe. Wertgegenstände und Uhren habe er ebenfalls an sich genommen, indem er sie teils in seine Tasche gesteckt, teils in die besonderen Koffer, die zu seiner Verfügung bleiben sollten, gelegt habe.

Auch hieraus ergibt sich, dass der Angeklagte Dr. Capesius einen Teil des Häftlingsgutes an sich gebracht und für sich behalten hat. Denn wenn er alle Gegenstände hätte abliefern wollen - wie es vorgeschrieben war - hätte er sie nicht erst in die besonderen Koffer packen oder in seine Taschen stecken brauchen. Die Tatsache, dass er die Tür abgeschlossen hat, spricht dafür, dass er nicht hat überrascht werden wollen, woraus sich ergibt, dass er etwas tun wollte, was verboten war.

 

Ferner hat der Zeuge Pro. glaubhaft geschildert, dass er einmal dabeigestanden habe, wie der Angeklagte Capesius zwei neue Lederkoffer auf ihren Inhalt untersucht habe. Der Angeklagte habe sich die in den Koffern befindlichen Anzüge, Wäschestücke, Schuhe usw. angesehen und dann wieder in die Koffer zurückgelegt. Dabei habe er ihm gedroht, indem er ihn darauf hingewiesen habe, dass er ein Kandidat des Todes sei und damit rechnen müsse, vorzeitig sein Leben zu verlieren, wenn er irgendetwas über das, was er gesehen habe, verlauten lasse und zu jemandem darüber spreche. Anschliessend habe er die Koffer wieder verschlossen und ihm - dem Zeugen - befohlen, die Koffer so beiseite zu stellen, dass sie niemand sehen könne. Am nächsten Tage seien die Koffer verschwunden gewesen.

Auch aus diesen vom Zeugen glaubhaft geschilderten Umständen ergibt sich nach Auffassung des Schwurgerichts eindeutig, dass sich der Angeklagte Dr. Capesius die in den Koffern befindlichen Sachen angeeignet hat.

Schliesslich hat der Zeuge Bar. erklärt, dass in Auschwitz darüber gesprochen worden sei, dass der Angeklagte Dr. Capesius sich Sachen "organisiert" habe. Nach den im Lager umlaufenden Gerüchten soll er sogar Sachen an seine Schwester in Wien geschickt haben.

 

Aus all diesen Zeugenaussagen ergibt sich, dass sich der Angeklagte Dr. Capesius - wie viele andere SS-Angehörigen - an den den jüdischen Menschen abgenommenen Wertgegenständen, Kleidungsstücken, Geldern und sonstigen Sachen bereichert hat. Gleichwohl kann hieraus nach Auffassung des Gerichts noch nicht der Schluss gezogen werden, dass der Angeklagte Dr. Capesius an der Tötung der jüdischen Menschen ein eigenes persönliches Interesse gehabt hat. Denn er konnte sich die Sachen auch aneignen, ohne dass die Juden getötet wurden. Auf der Rampe in Birkenau wurden allen Juden, auch denen, die in das Lager aufgenommen wurden, die persönlichen Sachen abgenommen. Wer in das Lager aufgenommen wurde, erhielt später seine persönlichen Sachen nie wieder zurück. Das gesamte Gepäck - auch das der Überlebenden - sollte in das Lager Kanada gebracht, dort sortiert und dann nach Berlin geschickt werden. Nach Auffassung des Gerichts hat der Angeklagte Dr. Capesius - wie viele andere SS-Angehörigen