Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.651

Nach der Überzeugung des Gerichts hat er daher - wie alle anderen SS-Angehörigen in Auschwitz - entgegen seiner Einlassung, die nur als eine Schutzbehauptung anzusehen ist, das Bewusstsein gehabt, dass hier Unrecht geschah. Zur weiteren Begründung dieser Überzeugung kann ferner auf die Ausführungen unter A.V.2. Bezug genommen werden. Es sei noch einmal darauf hingewiesen, dass der Angeklagte Baretzki, der ebenfalls Volksdeutscher aus Rumänien war, freimütig eingeräumt hat, dass er die Judenvernichtung als Unrecht erkannt hat. Wenn schon dieser primitive Angeklagte das Unrechtmässige der Judenvernichtung erkannt hat, kann bei dem Angeklagten Dr. Capesius, der als Akademiker wesentlich intelligenter und gebildeter als der Angeklagte Baretzki ist und ausserdem noch mit einer Halbjüdin verheiratet ist, kein Zweifel bestehen, dass er erkannt hat, dass die Befehle, die auf die Massenvernichtung von unschuldigen jüdischen Menschen hinzielten, ein allgemeines Verbrechen bezweckten, auch wenn er damals "nur" ein Volksdeutscher gewesen ist.

Bei dem Ausmass und der Ungeheuerlichkeit der Verbrechen hält es das Gericht auch für ausgeschlossen, dass er irrig angenommen hat, er müsse die als rechtswidrig erkannten Befehle trotz ihres verbrecherischen Charakters als bindend befolgen. Hierzu kann im übrigen auf die bei anderen Angeklagten (insbesondere A.V.2.) zu dieser Frage gemachten Ausführungen Bezug genommen werden.

 

Der Angeklagte Dr. Capesius ist daher für seine Mitwirkung an den Vernichtungsaktionen strafrechtlich verantwortlich. Es konnte nicht mit Sicherheit festgestellt werden, dass der Angeklagte Dr. Capesius die Vernichtungsaktionen zu seiner eigenen Sache gemacht und innerlich bejaht, somit mit Täterwillen gehandelt hat. Er ist als Rumäniendeutscher erst im Jahre 1943 zur Waffen-SS gekommen. Es konnte ihm nicht widerlegt werden, dass er gegen seinen Willen zur Waffen-SS eingezogen worden ist. Dass er ein überzeugter Nationalsozialist gewesen sei und sich in Übereinstimmung mit den weltanschaulichen und rassebiologischen Anschauungen der NS-Machthaber befunden hätte, hat die Beweisaufnahme nicht ergeben. Dagegen spricht auch, dass er mit einer Halbjüdin verheiratet war, von der er sich bis zum heutigen Tage nicht getrennt hat. Im KL Auschwitz ist er nicht als Rassenfanatiker, Eiferer oder Judenhasser in Erscheinung getreten. Nach dem von ihm auf Grund der Hauptverhandlung gewonnenen Eindruck hat er sich für diese Fragen wenig interessiert. Häftlingen gegenüber hat sich der Angeklagte nach den oben bereits ausgeführten Zeugenaussagen anständig verhalten. Den Zeuginnen Dr. Böh. und Sa., die ebenfalls Jüdinnen waren, hat er geholfen, dass sie das Lager überleben konnten. Vor der Einteilung zum Rampendienst im Frühjahr 1944 hat er sich nach den getroffenen Feststellungen nicht bei den Vernichtungsaktionen betätigt.

 

Es ist auch nicht ersichtlich, dass er ein eigenes persönliches Interesse an der Vernichtung der Juden gehabt hätte.

Allerdings hat sich der Angeklagte Dr. Capesius an Wertsachen und sonstigen Gegenständen, die den jüdischen Menschen nach ihrer Ankunft in Auschwitz abgenommen worden waren, bereichert.

Der Zeuge Sik. hat glaubhaft geschildert, dass ihm der Angeklagte Dr. Capesius einmal 15 Koffer mit Zähnen auf den Boden des SS-Reviergebäudes gezeigt habe. Ein Häftling namens Sulikowski habe diese Zähne sortieren und dann das in ihnen befindliche Zahngold einschmelzen müssen. Das sei eine Nebenarbeit des Sulikowski für den Chef (Dr. Capesius) gewesen. Der Zeuge Sik. hat ferner bekundet, dass der Angeklagte Dr. Capesius einmal mit einem Häftling eine Brosche gegen 3-4 Liter Spiritus eingetauscht habe.

 

Auch der Zeuge Sze. hat glaubhaft bekundet, dass das Sanitätsauto in einigen Fällen Koffer mit Zahnprothesen zum SS-Reviergebäude gebracht habe. Für die Zähne und Zahnprothesen sei an sich die SS-Zahnstation zuständig gewesen. Ein Häftling namens Sulikowski habe auf Anweisung des Angeklagten Dr. Capesius die Sachen sortiert und ihm jeden Tag Bericht darüber erstatten müssen. Er habe dem Angeklagten Dr. Capesius alle Goldteile geben müssen. Dr. Capesius habe Sulikowski die Anweisung gegeben, das geheim zu halten. Der Zeuge wusste zwar nicht, was der Angeklagte Dr. Capesius mit den Goldsachen gemacht hat. Das Gericht ist aber davon überzeugt, dass der Angeklagte