Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.646

ins Ungarische übersetzt hat (29.5.1944).

Der Dienst an der Gaskammer ist möglicherweise nach von ihm selbst durchgeführten Selektionen erfolgt. Zu Gunsten des Angeklagten muss daher davon ausgegangen werden, dass die beiden Fälle des Gaskammerdienstes mit zwei Fällen des Selektionsdienstes identisch sind bzw. sich auf die gleichen RSHA-Transporte beziehen.

Die Feststellung, dass von jedem der vier Transporte mindestens je zweitausend Menschen durch Zyklon B getötet worden sind, beruht auf folgendem: Nach der Aussage der Zeugin Dr. Böh. waren in jedem der Eisenbahnwaggons des Transportzuges, der am 29.5.1944 in Auschwitz-Birkenau angekommen ist, über achtzig Personen. Der Zeuge Dr. Bern. hat die Anzahl der Personen in einem Waggon auf über siebzig Personen geschätzt. Jeder Zug hatte nach Aussage des bereits erwähnten Zeugen Hi., wenn er voll ausgelastet war, sechzig Waggons. Mit den Zügen aus Siebenbürgen wurden nach den übereinstimmenden Aussagen vieler Zeugen und der Angeklagten grosse Judentransporte nach Auschwitz gebracht. Es kann daher mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass der Zug mindestens vierzig Waggons gehabt hat. Mit ihm sind daher, wenn man die Mindestzahl von siebzig Menschen pro Waggon zugrunde legt, mindestens zweitausendachthundert Menschen nach Auschwitz transportiert worden. Da nie mehr als 25% in das Lager aufgenommen worden sind, kann mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass von diesem Transport mindestens zweitausend Menschen in der Gaskammer durch Zyklon B getötet worden sind.

Für den Transport, der am 3.6.1944 in Auschwitz-Birkenau ankam, gilt das gleiche. Der Transport, der am 4.6.1944 in Auschwitz-Birkenau einlief, hatte nach der Schätzung des Zeugen Pajo. 40 bis 50 Waggons. In jedem Waggon waren nach der Bekundung des gleichen Zeugen siebzig bis achtzig Personen. Auch in diesem Fall kann daher mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass mindestens zweitausendachthundert Personen nach Auschwitz deportiert worden sind. Zieht man hiervon die Menschen, die in das Lager aufgenommen worden sind ab - höchstens 25% -, so ergibt sich mit Sicherheit ebenfalls eine Mindestzahl von zweitausend Menschen, die durch Zyklon B getötet worden sind.

In dem Transport, der am 11. oder 12.6.1944 in Auschwitz-Birkenau ankam, waren nach der Bekundung der Zeugin Dr. Krau. dreitausendfünfhundert Personen. Auch hier kann daher von einer Mindestzahl von zweitausend Personen, die durch Gas getötet worden sind, ausgegangen werden, da auch in diesem Fall nicht mehr als 25% in das Lager aufgenommen worden sind.

 

Den Angeklagten Dr. Capesius haben noch weiter die Zeugen Glü., von Sebe., Ehe. und die Zeugin Sza. belastet. Alle wollen den Angeklagten Dr. Capesius nach ihrer Ankunft auf der Rampe von Birkenau gesehen haben. Wenn auch sehr viel dafür spricht, dass der Angeklagte Dr. Capesius auch die Transporte, mit denen die Zeugen angekommen sind, selektiert hat, so hat das Gericht auf Grund der Aussagen dieser Zeugen keine Feststellungen getroffen, weil die Zeugen nicht zuverlässig genug schienen.

 

Der Zeuge Glü., der am 11.6.1944 in Auschwitz angekommen sein will, kannte den Angeklagten Dr. Capesius vor seiner Deportation nur sehr flüchtig. In der Hauptverhandlung hat er sich in Widersprüche zu seiner Aussage im Ermittlungsverfahren verwickelt. So hat er in der Hauptverhandlung bekundet, der Angeklagte Dr. Capesius sei auch mit in den Waschraum hineingekommen. Er - der Zeuge - habe sich im Waschraum nicht schnell genug ausziehen können, dafür sei er geschlagen worden. Dass der Angeklagte jemanden geschlagen hätte, das habe er jedoch nicht gesehen. Im Ermittlungsverfahren hat der Zeuge dagegen angegeben - was ihm in der Hauptverhandlung vorgehalten worden ist - dass der Angeklagte Dr. Capesius mit einer Peitsche auf die Häftlinge eingeschlagen habe. Das wisse er mit "absoluter Sicherheit". Nach dem Vorhalt in der Hauptverhandlung erklärte der Zeuge: Der Angeklagte sei nicht der Schläger gewesen. Er habe die Häftlinge nur so "angetippt". Im Ermittlungsverfahren hat der Zeuge ferner ausgesagt, er wisse mit "absoluter Sicherheit", dass der Angeklagte Dr. Capesius bei der Räumung des Zigeunerlagers dabeigewesen sei, während er in der Hauptverhandlung erklärt hat, er habe nicht gesehen, wer bei der Verladung der Zigeuner dabei gewesen sei. Es sei Blocksperre gewesen und sie hätten nur durch die Löcher der Baracken sehen können. Bei diesen Widersprüchen kann die Aussage des