Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.644

wohin sie zu gehen hätten. Ihre Aussage stimmt insoweit völlig mit der Aussage des Zeugen Dr. Schli. überein. Es besteht daher kein Zweifel, dass der Angeklagte Dr. Capesius auch diesen RSHA-Transport selektiert hat.

Von dem Vater einer Freundin hat die Zeugin Dr. Krau. dann erfahren, dass Dr. Capesius ihren Vater, der ihn erkannt und ihm gesagt habe, seine Frau und seine Mutter seien auf der anderen Seite, auf die andere Seite zu seiner Frau und seiner Mutter geschickt habe mit den Worten: "Dann schicke ich Sie auch dorthin, das ist ein guter Ort."

 

Wenn die Zeugin dies auch nicht selbst miterlebt hat und nicht als Augen- bzw. Ohrenzeugin darüber hat berichten können, so hat das Gericht keinen Zweifel, dass sich alles so abgespielt hat, wie es der Zeugin Dr. Krau. von dem Vater ihrer Freundin berichtet worden ist. Denn es ist nicht ersichtlich, warum ihr der Vater ihrer Freundin unmittelbar nach dem Geschehen auf der Rampe etwas Falsches über das Schicksal ihres Vaters hätte berichten sollen. Gestützt wird der Bericht des Bekannten der Zeugin durch die Tatsache, dass der Vater der Zeugin Arzt war und somit an sich in das Lager hätte aufgenommen werden müssen. Denn Ärzte wurden grundsätzlich schon vor der eigentlichen Selektion herausgerufen und wurden anschliessend in das Lager aufgenommen. Nach der Selektion hat die Zeugin ihren Vater jedoch nicht mehr gesehen. Auch später hat sie nichts mehr von ihm erfahren. Daraus ist zu schliessen, dass er in die Gaskammer verbracht und dort getötet worden ist. Da der Vater der Zeugin nicht krank war, muss ein besonderer Grund hierfür vorgelegen haben, dass der Angeklagte Dr. Capesius ihn in die Gaskammer geschickt hat. Der Bericht des Gewährsmannes der Zeugin, dass ihr Vater den Angeklagten Dr. Capesius darauf hingewiesen habe, seine Frau und seine Mutter seien auf der anderen Seite und dass Dr. Capesius ihn daraufhin mit der zitierten Bemerkung zu ihr geschickt habe, erscheint daher überzeugend und zutreffend.

 

Die Feststellung, dass der Angeklagte Dr. Capesius Rampendienst verrichtet und auch RSHA-Transporte selektiert hat, wird ferner zumindest mittelbar durch die Zeugen Sze., Gol. und Lil. gestützt.

Der Zeuge Sze., der ab September 1943 als Apotheker in der SS-Apotheke beschäftigt worden ist und somit den Angeklagten Dr. Capesius gekannt hat, hat glaubhaft bekundet, dass der Angeklagte Dr. Capesius im Sommer 1944 wiederholt in seiner Gegenwart geäussert habe, dass er am Vormittag nicht in der Apotheke sei, weil er "Dienst auf der Rampe" habe. Das spricht dafür, dass der Angeklagte, wenn er zum Rampendienst eingeteilt worden ist, zur Rampe gefahren und dort auch den Dienst verrichtet hat. Wenn stets Dr. Klein für ihn selektiert hätte und wenn er nur zur Sicherung des Gepäcks auf die Rampe gefahren wäre, hätte er nicht vom "Dienst auf der Rampe" zu sprechen brauchen.

Der bereits erwähnte Zeuge Gol. konnte sich genau erinnern, dass der Angeklagte Dr. Capesius oft auf der Liste der diensthabenden Ärzte zum Rampendienst eingeteilt gewesen sei. Der Zeuge ist zwar selbst nicht auf der Rampe gewesen und konnte daher den Angeklagten Dr. Capesius nicht selektieren sehen. Er hat aber wiederholt gesehen, - wie er glaubhaft geschildert hat - dass der Angeklagte den Sanitätswagen bestiegen hat und mit den SS-Männern, die das Gas in die Gaskammern einzuwerfen hatten, weggefahren ist. Auch das ist ein sicheres Beweisanzeichen dafür, dass der Angeklagte Dr. Capesius zum Rampendienst gefahren ist und auch Dienst an der Gaskammer verrichtet hat.

 

Die Behauptung des Angeklagten Dr. Capesius, die Zeugen, die ihn belastet hätten, hätten ihn sicher mit Dr. Klein verwechselt, entbehrt jeder Grundlage. Der Zeuge Lil., der beide gekannt hat, hält es für unmöglich, dass man beide hätte miteinander verwechseln können. Das gleiche haben die Zeugen O., Sze. und Rad. geäussert. Auch die Zeugin Dr. Böh. hat die Auffassung vertreten, dass man Dr. Klein und Dr. Capesius "absolut nicht hätte verwechseln können". Ferner hat der Zeuge Dr. Loeb. eine Verwechslung zwischen beiden für kaum möglich gehalten. Beide hätten ein verschiedenes Auftreten und auch verschiedene Figuren gehabt. Nur die Zeugin Dr. Li. hat gemeint, beide hätten in der Grösse und Figur eine gewisse Ähnlichkeit gehabt. Aber in den