Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.640

Bahnhof die Menschen nach ihrem Gesundheitszustand "aussortiert" worden seien.

 

Abgesehen davon, dass die Aussage der Zeugin in sich widerspruchsvoll ist, fällt auf, dass gerade über die Punkte gesprochen worden sein soll, die für die Entlastung des Angeklagten Dr. Capesius wichtig sind und seine Einlassung, Dr. Klein hätte für ihn Rampendienst übernommen, indirekt bestätigen könnten, während über sonstige Einzelheiten nicht gesprochen worden sein soll. Es erscheint auch unwahrscheinlich, dass Dr. Klein einer ihm fremden Frau gegenüber über Dinge, die der strengsten Geheimhaltung unterlagen, gesprochen haben soll. Zieht man noch in Betracht, dass die Zeugin, deren Mann Sturmbannführer der Waffen-SS im Sanitätslager der Waffen-SS gewesen ist, mit einem Bekannten des Angeklagten Dr. Capesius namens Eisler, der für den Angeklagten Entlastungszeugen gesucht hat, mehrfach zusammengetroffen ist - wie sie einräumen musste - so verdient ihre Aussage keinen Glauben. Im übrigen könnten die präzisen Angaben der drei genannten Zeugen auch nicht durch die von der Zeugin behauptete Erzählung des Dr. Klein in Berlin erschüttert werden.

 

Zu II.2.

 

Die Feststellung unter II.2. beruhen 147 auf der glaubhaften Aussage der Zeugin Ne. Auch diese Zeugin hat den Angeklagten Dr. Capesius von früher her gekannt. Nach ihrer glaubhaften Bekundung hat sie in den Jahren 1935 bis 1938 bei einem Herrn Rota im Parterre eines Hauses in Bukarest als dessen Gesellschafterin gewohnt. Im zweiten Stock des gleichen Hauses wohnte damals der Angeklagte Dr. Capesius. Die Zeugin hat den Angeklagten vom Ansehen und dem Namen nach gekannt. Sie hat damals auch mit ihm und seiner Ehefrau gesprochen. Der Angeklagte Dr. Capesius hat bestätigt, dass er tatsächlich im gleichen Hause wie die Zeugin gewohnt habe. Er hat auch eingeräumt, den Herrn Rota gekannt zu haben. Wahrscheinlich habe er auch - so hat er ferner gemeint - seine Gesellschafterin gekannt. Die Zeugin hat dann weiter bekundet, dass sie im Jahre 1939 den Angeklagten Dr. Capesius und seine Ehefrau noch einmal in Bistritz zufällig getroffen habe. Beide hätten sie freundschaftlich gegrüsst. Dann seien sie zusammen in den Park gegangen und hätten noch ein Bier zusammen getrunken. Letzteres hat der Angeklagte Dr. Capesius allerdings in Abrede gestellt. Insoweit glaubt das Gericht jedoch der Zeugin. Denn es ist nicht ersichtlich, warum die Zeugin eine solche Nebensächlichkeit erfunden haben sollte. Möglicherweise hat der Angeklagte dieses zufällige Treffen auch vergessen.

Es kann somit kein Zweifel bestehen, dass die Zeugin den Angeklagten Dr. Capesius genau gekannt hat.

 

Die Zeugin hat glaubhaft geschildert, dass sie nach ihrer Ankunft auf der Rampe in Birkenau in einem der SS-Führer sofort den Angeklagten Dr. Capesius wiedererkannt habe. Sie habe sich zuerst gefreut, als sie ihn gesehen habe. Denn sie habe gedacht, er würde sie wegen ihrer früheren Bekanntschaft mit ihrer Familie zusammenlassen. Sie habe aber keinen Mut mehr gehabt, ihn zu fragen, weil er so kalt nach ihrem Alter gefragt und sie anscheinend nicht erkannt habe.

Das erscheint nach der gegebenen Situation einleuchtend und glaubhaft. Ebenso ist es verständlich, dass die Zeugin, nachdem sie bereits zu der Gruppe der Arbeitsfähigen geschickt worden war, noch einmal zu Dr. Capesius zurückeilen wollte. Es erscheint nur natürlich, dass sie recht bald den Schock über die Kälte und die Gleichgültigkeit des Angeklagten Dr. Capesius überwunden und sich aus Sorge um ihre Familienangehörigen wieder aufgerafft hat, den Angeklagten Dr. Capesius im Hinblick auf ihre frühere Bekanntschaft anzusprechen und zu bitten, sie mit ihren Familienangehörigen zusammenzulassen. Der Verteidiger des Angeklagten Dr. Capesius will aus der Frage der Zeugin an den SS-Mann mit dem Gewehr, der plötzlich vor ihr stand und sie an einer Rückkehr zu Dr. Capesius hinderte, auf eine Unsicherheit der Zeugin in Bezug auf die Person des SS-Führers schliessen. Die Frage der Zeugin an den SS-Mann: "Sagen Sie bitte, ist das nicht der Dr. Capesius?" ist in der gegebenen Situation jedoch eine verständliche Frage. Sie deutet keineswegs auf eine Unsicherheit der Zeugin hin, sondern resultiert nur aus dem verständlichen Erstaunen der Zeugin, dass sie in einer für sie schrecklichen Situation einen Menschen getroffen hat, mit dem sie nicht gerechnet hat

147 Sic!