Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.639

wiedererkannt haben und eine Verwechslungsmöglichkeit ausscheidet. Eine Verwechslung mit Dr. Klein, die der Angeklagte Dr. Capesius immer wieder behauptet hat, scheidet auch schon deswegen aus, weil Dr. Klein selbst mit auf der Rampe gewesen ist.

 

Der Zeuge Dr. Bern. hat gehört, wie der Angeklagte Dr. Capesius die Anweisungen des Dr. Mengele in die ungarische Sprache übersetzt hat und unter anderen auf ungarisch gesagt hat, dass noch ein weiter Weg von mindestens 10 km zurückzulegen sei und dass die Kranken und müden Ankömmlinge mit LKWs fahren könnten. Der Zeuge Dr. Bern. hat auch gesehen, dass sich der Arzt Dr. Löwenstein auf die Ankündigung des Dr. Mengele hin und der Arzt Dr. Kövarie auf die von Dr. Capesius ins Ungarische übersetzte Ankündigung hin gemeldet haben und dass sie dann von Dr. Mengele auf die andere Seite geschickt worden sind. Er hat beide nie wieder gesehen. Das Gericht hat aus den geschilderten Umständen den Schluss gezogen, dass beide zu der Gruppe der Kranken und nicht Arbeitsfähigen geschickt worden sind und später mit diesen in einer der Gaskammern getötet worden sind.

Der Zeuge Dr. Bern. hat auch über das Schicksal seiner Familie berichtet. Die Feststellungen hierüber beruhen auf seiner glaubhaften Aussage. Es kann kein Zweifel bestehen, dass seine Frau und seine Kinder in einer der Gaskammern durch Zyklon B getötet worden sind. Hierfür spricht allein schon die Tatsache, dass sie zu der Gruppe hingeschickt worden sind, die nicht in das Lager aufgenommen worden ist. Es ergibt sich ferner daraus, dass der Zeuge Dr. Bern. sie später nie wiedergesehen und nie mehr etwas von ihnen gehört hat. Der Zeuge Dr. Bern. hat glaubhaft geschildert dass der Angeklagte Dr. Capesius ihn damit getröstet habe, dass seine Frau und seine Kinder nur gebadet würden und er in einer Stunde wieder mit ihnen vereint sei. Das habe er geglaubt, zumal noch ein Wagen mit dem Roten Kreuz auf der Rampe gestanden habe, was ihm Vertrauen eingeflösst habe. Das Gericht hat keine Veranlassung, an der Richtigkeit der Angaben des Zeugen zu zweifeln. Der Zeuge hat einen glaubwürdigen Eindruck gemacht. Er hat bereits im Jahre 1945 in einem Buch, das er in Dachau geschrieben hat und das den Titel trägt: "Oh, Du mein auserwähltes Volk!", das gleiche wie in der Hauptverhandlung geschildert, ohne allerdings den Namen des Angeklagten Dr. Capesius zu erwähnen. Das mindert jedoch den Wert seiner Aussage nicht. Denn der Zeuge hat eine einleuchtende Erklärung dafür gegeben, dass er den Namen des Angeklagten Dr. Capesius in seinem Buch nicht erwähnt hat: Er habe dem Angeklagten, so hat der Zeuge überzeugend dargetan, kein Denkmal setzen wollen.

 

Der Angeklagte Dr. Capesius hat geltend gemacht, er sei an Pfingsten 1944 überhaupt nicht in Auschwitz gewesen. Er habe sich vielmehr an den Pfingstfeiertagen in Berlin aufgehalten. Zum Beweis für sein angebliches Alibi hat er sich auf das Zeugnis der Zeugin Lx. berufen. Die Zeugin konnte jedoch den Pfingstbesuch des Angeklagten Dr. Capesius in Berlin nicht bestätigen. Sie hat lediglich von einem Besuch des Angeklagten Dr. Capesius zusammen mit Dr. Klein im Herbst 1944 berichtet und hat gemeint, dass "mit mehr oder weniger Sicherheit" anzunehmen sei, dass Dr. Capesius auch schon Anfang 1944 in Berlin gewesen sei. Auf ein bestimmtes Datum konnte sich die Zeugin jedoch nicht festlegen. Die Zeugin erschien im übrigen unglaubwürdig. Zunächst behauptete sie, dass bei dem Besuch des Angeklagten Dr. Capesius und des Dr. Klein, den sie bis dahin noch nicht kannte, zwar über Auschwitz, jedoch nicht über Details gesprochen worden sei. Auf späteres Befragen erklärte sie jedoch, Dr. Klein habe ihr gesagt, dass er den Dr. Capesius von allen unangenehmen Sachen entlaste, ihm - Dr. Klein - wäre sowieso nicht mehr zu helfen und er möchte nicht, dass sich Dr. Capesius mit irgendwelchen Dinge belaste. Beide hätten erzählt, dass sich in Auschwitz schlimme Sachen abspielten. Details seien jedoch nicht erzählt worden. Dann erklärte die Zeugin jedoch auf Vorhalt und weiteres Befragen, man habe bei diesem Besuch auch erzählt, dass in Auschwitz Leute umgebracht und vergast würden. Es sei auch darüber gesprochen worden, dass das Juden seien. Wie die Menschen in die Gaskammern kämen und wie sie umgebracht würden, das hätten die beiden nicht erzählt. Sie hätten aber erzählt, dass die Leute am Bahnhof ausgeladen würden und in diesem Zusammenhang habe Dr. Klein gesagt, dass er es übernommen habe, den Dr. Capesius von allen unangenehmen Dingen zu entlasten. Man habe davon gesprochen, dass am