Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.638

in der SS-Apotheke beschäftigt war, hat bestätigt, dass Dr. Capesius oft zur Rampe gefahren und von dort Koffer mitgebracht hat. Der Zeuge Pro., der im SS-Reviergebäude in der der SS-Apotheke angeschlossenen Häftlingsapotheke arbeitete, hat einmal beobachtet, dass der Angeklagte Dr. Capesius von der Rampe Koffer mitgebracht hat. Die Tätigkeit des Angeklagten Dr. Capesius erschöpfte sich jedoch - entgegen seiner Einlassung - nicht in der Sicherstellung von Ärztegepäck. Auf Grund der Beweisaufnahme steht fest, dass er darüber hinaus Rampendienst wie die SS-Ärzte versehen und nach der Ankunft von RSHA-Transporten entweder bei den Selektionen mitgeholfen oder selbst darüber entschieden hat, wer in das Lager aufzunehmen und wer in die Gaskammer zur Tötung mit Zyklon B zu bringen sei.

Im einzelnen konnten die Feststellungen wie folgt getroffen werden:

 

Zu II.1.

 

Die Feststellungen unter II.1. beruhen auf der glaubhaften Aussage des Zeugen Dr. Bern. und den glaubhaften Bekundungen der Zeuginnen Dr. Böh. und Sa. Der Zeuge Dr. Bern. ist - wie er glaubhaft bekundet hat - am 29.5.1944 mit einem RSHA-Transport auf der Rampe in Birkenau angekommen. Der Zeuge ist sicher, dass der Ankunftstag der zweite Pfingsttag, und zwar der 29.5.1944 gewesen ist. Das Gericht hat sich davon überzeugt, dass im Jahre 1944 der Pfingstsonntag auf den 29.5.1944 gefallen ist. Der Zeuge hat mit aller Bestimmtheit erklärt, dass sich die Daten in seinem Kopf eingeprägt hätten und er sich dieser Daten ganz sicher sei. Mit dem gleichen Transport sind die Zeuginnen Dr. Böh. und Sa. angekommen. Die Zeuginnen wussten allerdings nicht mehr genau ihren Ankunftstag. Sie waren aber sicher, dass sie im gleichen Transport wie Dr. Bern. nach Auschwitz deportiert worden sind. Die Zeugin Sa. hatte während der Fahrt die beiden Kinder des Dr. Bern. auf dem Schoss. Alle drei Zeugen haben übereinstimmend glaubhaft bekundet, dass der Angeklagte Dr. Capesius auf der Rampe gewesen sei. Alle drei kannten den Angeklagten Dr. Capesius. Die Zeuginnen Dr. Böh. und Sa. hatten ihn in ihrer Heimat kennengelernt. Der Ehemann der Zeugin Dr. Böh. war Arzt gewesen. Er war von dem Angeklagten Dr. Capesius in seiner Eigenschaft als Propagandist einer Tochtergesellschaft der IG-Farbenindustrie, der Firma Bayer, in seiner Praxis aufgesucht worden. Dabei hatten ihn die beiden Zeuginnen gesehen. Die Zeugin Sa., die bei dem damaligen Besuch 12 oder 13 Jahre alt war, konnte sich noch erinnern, dass ihr der Angeklagte Dr. Capesius im Ordinationszimmer ihres Vaters, in das sie hereingerufen worden sei, Löschpapier und ein Notizbuch geschenkt habe, weswegen sie sich noch bei ihren Klassenkameradinnen gerühmt hatte. Der Angeklagte Dr. Capesius hat nicht geleugnet, die beiden Zeuginnen, insbesondere Frau Böh., gekannt zu haben. Er hat noch dafür gesorgt, dass die Zeugin Sa. Verwendung als Stubendienst in einer Häftlingsapotheke fand und so eine grössere Chance zum Überleben hatte. Vor Beginn des Winters 1944/1945 wurden beide Zeuginnen - wahrscheinlich auf Veranlassung des Angeklagten Dr. Capesius - in das Stammlager gebracht, wo sie grössere Überlebenschancen hatten.

 

Die Zeuginnen haben den Angeklagten Dr. Capesius auf der Rampe - wie sie glaubhaft versichert haben - wiedererkannt. Sie haben ihn zusammen mit zwei Ärzten, die sie bei ihrer Ankunft noch nicht kannten, gesehen. Später im Lager lernten sie die beiden Ärzte als Dr. Mengele und Dr. Klein kennen. Die Zeuginnen haben nicht gesehen und nicht behauptet, dass der Angeklagte Dr. Capesius selbst selektiert habe. Sie haben ihn nur bei Dr. Mengele und Dr. Klein stehen sehen.

Auch der Zeuge Dr. Bern. hat nicht behauptet, dass Dr. Capesius selbst selektiert habe. Der Zeuge hat den Angeklagten ebenfalls von früher her gekannt. Der Angeklagte hat ihn als Vertreter der Tochtergesellschaft der IG-Farbenindustrie in seiner Arztpraxis aufgesucht. Der Zeuge hat ihn daher auf der Rampe in Birkenau sofort wiedererkannt. Auch seine Arztkollegen, die mit dem gleichen Transport angekommen und die früher ebenfalls von Dr. Capesius aufgesucht worden waren, erkannten den Angeklagten sofort wieder. Die Ärzte bestätigten sich noch gegenseitig - wie der Zeuge Dr. Bern. weiter glaubhaft bekundet hat -, dass sie erstaunt darüber seien, den Angeklagten Dr. Capesius hier wieder zu treffen, dass er es aber tatsächlich sei.

Das Gericht hat daher keinen Zweifel, dass die drei Zeugen den Angeklagten zutreffend