Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.637

in der Reihe der Männer hinter den Reihen der Frauen. Nachdem Dr. Capesius die Frauen selektiert hatte, musterte er die Männer auf ihre Arbeitstauglichkeit. Als der Vater der Zeugin, der Arzt war und ebenfalls eine Arztbinde trug, vor dem Angeklagten erschien, erkannte er ihn sofort. Er erklärte ihm, dass seine Frau und seine Mutter auf der anderen (rechten) Seite seien. Daraufhin sagte Dr. Capesius: "Dann schicke ich Sie auch dorthin, das ist ein guter Ort." Der Vater der Zeugin wurde daraufhin nach rechts geschickt. Er wurde anschliessend mit den anderen für den Tod bestimmten Menschen in einer der Gaskammern durch Zyklon B getötet.

 

Von allen vier Transporten sind mindestens je 2000 Menschen durch Zyklon B in einer der Gaskammern in Birkenau getötet worden.

 

Der Angeklagte Dr. Capesius war sich in allen geschilderten Fällen darüber im klaren, welchen Sinn der Selektionsdienst hatte. Er wusste, dass er in den Fällen 2-4 die Arbeitstauglichkeit der jüdischen Männer und Frauen zu beurteilen hatte und dass nur die, die er als arbeitsfähig zur Aufnahme in das Lager bestimmte, am Leben blieben, während alle anderen, die er nach der anderen Seite stellte, anschliessend durch Zyklon B in einer der Gaskammern getötet wurden. Im Falle 1 war ihm bekannt, dass Dr. Mengele die jüdischen Menschen entweder für die Aufnahme in das Lager oder für den Gastod bestimmte und dass die grössere als arbeitsunfähig beurteilte Gruppe anschliessend in einer der Gaskammern getötet wurde. Er wusste auch, dass die Erklärung des Dr. Mengele, die er anschliessend in die ungarische Sprache übersetzte, es sei noch ein Fussmarsch von mindestens 10 km zurückzulegen, nicht den Tatsachen entsprach, sondern die Opfer nur bestimmen sollte, freiwillig die LKWs zu besteigen, mit denen sie zur Tötung zu einer der Gaskammern gebracht wurden. Schliesslich war dem Angeklagten Dr. Capesius auch bekannt, dass die jüdischen Menschen nur wegen ihrer Abstammung als Angehörige einer sog. "minderwertigen" Rasse unschuldig getötet wurden.

 

Der Angeklagte Dr. Capesius hat auch mindestens zweimal den ärztlichen Dienst an der Gaskammer verrichtet. Er hat in diesen beiden Fällen den Desinfektoren das Zeichen zum Einwerfen des Zyklon B gegeben und sich dafür bereit gehalten, ihnen im Falle einer Vergiftung ärztliche Hilfe mit dem Sauerstoffgerät zu leisten. Nach dem Einschütten des Zyklon B hat er den Todeskampf der in der Gaskammer eingeschlossenen Menschen beobachtet und das Zeichen für die Öffnung der Gaskammern gegeben, nachdem die Opfer nach seiner Meinung tot waren. Nach der Öffnung der Gaskammer hat er den Tod der Opfer festgestellt und die Leichen für die Verbrennung freigegeben.

 

III. Einlassung des Angeklagten Dr. Capesius, Beweismittel, Beweiswürdigung

 

Der Angeklagte Dr. Capesius hat eingeräumt, dass er nach der bereits mehrfach erwähnten Besprechung im Frühjahr 1944 als Apotheker zum Rampendienst eingeteilt worden ist. Er behauptet jedoch, dass der mit ihm befreundete Arzt Dr. Klein stets den Rampendienst übernommen und für ihn den Selektionsdienst auf der Rampe gemacht habe. Er selbst habe nie selektiert. Allerdings sei er oft zur Rampe gegangen, um das Gepäck der mit den RSHA-Transporten angekommenen Ärzte sicher zu stellen. Dr. Wirths habe nämlich angeordnet, dass das Gepäck dieser Ärzte zur Apotheke zu bringen sei. Deswegen habe er sich persönlich darum gekümmert, dass das Gepäck auch tatsächlich zur Apotheke gebracht werde. Bei der Sicherstellung des Gepäcks auf der Rampe sei es vorgekommen, dass er mit Ärzten aus den RSHA-Transporten gesprochen habe oder von diesen angesprochen worden sei.

 

Die Einlassung des Angeklagten Dr. Capesius, er habe Ärztegepäck auf der Rampe sichergestellt und zur Apotheke bringen lassen, ist zutreffend. Sie wird von einer Reihe von Zeugen bestätigt. So hat der Zeuge Gol., der als Reiniger im SS-Reviergebäude, in dem sich die SS-Apotheke befand, tätig gewesen ist, glaubhaft bekundet, dass der Angeklagte Dr. Capesius jedes Mal, wenn er von der Rampe zurückgekommen sei, viel Gepäck mitgebracht habe. Dafür habe er - der Zeuge - sich interessiert, weil im Gepäck viel Lebensmittel gewesen seien. Auch der Zeuge Sik., der als Häftlingsapotheker