Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.636

in die Gaskammern zu bringen sei, indem er die einen mit einer Handbewegung nach rechts und die anderen nach links schickte. Wer nach rechts geschickt wurde, kam später in das Lager, während die anderen, die nach links gewiesen worden waren, später in eine der Gaskammern verbracht und dort durch Zyklon B getötet wurden. In dem RSHA-Transport befand sich auch der Zeuge Pajo., sowie einige Bekannte des Zeugen, so die Juden Simon Lazar, Friemann, Kellmann, Szcecel, Samuel und Goldglanz. Der Zeuge Pajo. wurde von dem Angeklagten Dr. Capesius, als er sich ihm zur Musterung näherte, wie folgt auf ungarisch angesprochen: "Sind Sie nicht ein Apotheker?" Der Zeuge antwortete: "Jawohl!" Dr. Capesius fragte daraufhin weiter: "Sind Sie aus Nemvorosch (Rumänisch: Oradea)?" Als der Zeuge dies bejahte, murmelte der Angeklagte Dr. Capesius etwas vor sich hin auf ungarisch. Der Zeuge verstand etwas wie: "Am Eck." Dann schickte der Angeklagte den Zeugen nach rechts. Der Zeuge kam anschliessend in das Lager, blieb dort jedoch nur vier Tage. Dann wurde er mit einem Transport in ein anderes Lager gebracht. Den Simon Lazar schickte der Angeklagte Dr. Capesius nach links. Er wurde mit den anderen für den Tod bestimmten Opfern durch Zyklon B in einer der Gaskammern getötet. Auch die anderen oben aufgeführten Bekannten hat der Zeuge nie wieder gesehen.

 

4. In der Nacht vom 10. auf den 11. oder vom 11. auf den 12.Juni 1944 hatte der Angeklagte Dr. Capesius erneut Rampendienst.

Gegen 3 Uhr oder 4 Uhr am 11. oder 12.Juni kam ein RSHA-Transport aus Clausenburg in Siebenbürgen auf der Rampe in Birkenau an. Der Zug blieb zunächst einige Zeit verschlossen auf der Rampe stehen. Gegen 4 Uhr oder 5 Uhr wurden die Waggons geöffnet. Die jüdischen Menschen mussten aussteigen. Unter ihnen befanden sich 12 Ärzte aus dem Ghettospital in Clausenburg und etwa 250 bis 300 Schwerkranke aus dem gleichen Spital. Die Kranken wurden zunächst auf die Erde hingelegt. Es entstand ein grosses Durcheinander. Die Männer schrien und die Frauen und Kinder weinten. Der Zeuge Dr. Schli., der zu den zwölf Ärzten aus dem Spital gehörte, sah sich hilfesuchend um. Dabei bemerkte er den Angeklagten Dr. Capesius, den er von früher her kannte, etwas abseits auf der Rampe stehen. Er lief voll Freude zu ihm hin, grüsste ihn und fragte, wo man sich befinde. Der Angeklagte antwortete, sie seien in Mitteldeutschland, was der Zeuge jedoch nicht glaubte, weil er unterwegs Bahnstationen mit slawischen Namen gesehen hatte. Der Zeuge fragte dann den Angeklagten weiter, was mit ihnen geschehen werde. Der Angeklagte antwortete, es werde alles gut. Der Zeuge erklärte dann dem Angeklagten Dr. Capesius, dass seine Frau nicht ganz gesund sei. Daraufhin bedeutete der Angeklagte dem Zeugen, dass sie sich zu einer bereits gesondert aufgestellten Gruppe von Kranken stellen solle, indem er sagte, sie solle sich dorthin stellen und mit der Hand auf diese Gruppe zeigte. Der Zeuge lief daraufhin zu seiner Frau und seiner bei ihr befindlichen 17jährigen Nichte, die inzwischen mit den anderen jüdischen Männern und Frauen in Reihen aufgestellt worden waren, zurück und sagte ihnen, dass sie sich zur Gruppe der Kranken stellen müssten. Seine Ehefrau ging daraufhin zu der Gruppe der Kranken hin. Ihre 17jährige Nichte nahm sie mit.

 

Der Angeklagte Dr. Capesius musterte dann die jüdischen Männer und Frauen, die nicht schon vorher mit den Kranken abgesondert waren, auf ihre Arbeitstauglichkeit. Zuerst rückten die Frauen in Reihen vor und marschierten an dem Angeklagten Dr. Capesius vorbei. Dieser schickte sie mit einer Handbewegung entweder nach rechts oder nach links. Wer nach links geschickt wurde, kam später in das Lager. Alle die nach rechts gewiesen wurden, wurden später mit den Kranken und bereits vorher ausgesonderten Menschen in eine der Gaskammern verbracht und dort mit Zyklon B getötet. Unter den Frauen, die von dem Angeklagten Dr. Capesius auf ihre Arbeitstauglichkeit gemustert wurden, befanden sich auch die Zeugin Dr. Krau., die damals 21 Jahre alt war, und ihre Mutter sowie ihre Schwester, die damals 11 Jahre alt war. Die Zeugin wurde von dem Angeklagten Dr. Capesius nach links geschickt und anschliessend in das Lager aufgenommen. Ihre Mutter, die Ärztin war und eine Arztbinde trug, und ihre Schwester wurden nach rechts geschickt und später in einer der Gaskammern durch Zyklon B getötet. Im gleichen Transport befand sich auch der Vater der Zeugin Dr. Krau. Dieser kannte den Angeklagten Dr. Capesius von früher her. Er marschierte