Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.634

wurde er aus dem Internierungslager in Ludwigsburg nach Stuttgart entlassen. Anschliessend arbeitete er bis zum Jahre 1950 als angestellter Apotheker in der Reitelsberg-Apotheke in Stuttgart.

Am 5.10.1950 eröffnete er die Markt-Apotheke in Göppingen, die er seit dieser Zeit als selbständiger Apotheker betreibt. In Reutlingen betreibt der Angeschuldigte noch daneben einen Kosmetiksalon. Er beschäftigt insgesamt 12 Angestellte und erzielte in den letzten Jahren vor seiner Verhaftung einen Umsatz von durchschnittlich 400000 DM im Jahr.

 

Der Angeklagte hat am 28.1.1934 geheiratet. Aus der Ehe sind 3 - inzwischen volljährig gewordene - Töchter hervorgegangen. Die Ehefrau des Angeklagten ist im Jahre 1963 aus Rumänien in die Bundesrepublik gekommen. Die ältere Tochter (geboren 1935) befindet sich noch in Rumänien. Die beiden anderen Töchter studieren in der Bundesrepublik Biologie bzw. Pharmazie.

Der Angeklagte befindet sich auf Grund des Haftbefehls des Amtsgerichts in Frankfurt am Main vom 3.12.1959 seit dem 4.12.1959 in dieser Sache in Untersuchungshaft.

 

II. Die Mitwirkung des Angeklagten Dr. Capesius an der Massentötung der jüdischen Menschen in Auschwitz

(Eröffnungsbeschluss Ziffer 1)

 

Der Angeklagte Dr. Capesius hat ebenfalls bei der Massentötung der mit RSHA-Transporten angekommenen jüdischen Menschen mitgewirkt. Er wurde nach der bereits erwähnten Ärztebesprechung im Frühjahr 1944 bei Dr. Wirths wie die anderen SS-Ärzte wiederholt zum Rampendienst eingeteilt. Er war auch in einer unbestimmten Anzahl von Fällen nach der Ankunft von RSHA-Transporten auf der Rampe in Birkenau. Dort hat er auch den Rampendienst, zu dem er eingeteilt war, verrichtet.

Im einzelnen konnte das Schwurgericht folgende Fälle feststellen, in denen sich der Angeklagte Dr. Capesius nach der Ankunft von RSHA-Transporten betätigt hat:

 

1. Am 29.5.1944 kam ein RSHA-Transport in einem Güterzug aus Siebenbürgen, das damals zu Ungarn gehörte, mit jüdischen Menschen auf der Rampe in Birkenau an. Die Menschen mussten aus den Waggons aussteigen und wurden auf der Rampe von niederen SS-Dienstgraden - wie üblich - aufgestellt. Auf der Rampe befanden sich unter anderem die SS-Ärzte Dr. Mengele und Dr. Klein und der Angeklagte Dr. Capesius. Mit dem Transport waren auch der Zeuge Dr. Bern., der damals schon Arzt war, und die Zeugin Gisela Böh., die von Beruf Kinderärztin ist, mit ihrer Tochter Ella, der Zeugin Sa. geb. Böh. angekommen. Letztere war damals 21 Jahre alt. Nachdem die angekommenen Menschen nach Geschlechtern getrennt aufgestellt worden waren, wurden die Ärzte und Apotheker herausgerufen und an einer bestimmten Stelle etwas abseits von den anderen versammelt. Es waren 50-70 Personen. Unter ihnen befand sich auch der Zeuge Dr. Bern. Dr. Mengele und Dr. Capesius unterhielten sich mit einigen Ärzten freundlich. Dr. Mengele gestattete dem Zeugen Dr. Bern. auf seine Bitte hin, sein Arztdiplom aus seinem Reisegepäck zu holen. Dann gab Dr. Mengele bekannt, dass die Kranken und die Kinder, sowie alle, die müde seien, mit dem Wagen fahren könnten. Es seien LKWs da, die sie besteigen könnten. Es sei noch ein weiter Weg von mindestens 10 km im Fussmarsch zurückzulegen. Der Angeklagte Dr. Capesius übersetzte diese Worte in die ungarische Sprache. Auf seine Ankündigung hin meldete sich unter anderen ein Apotheker namens Kövarie, der nur ungarisch verstand. Ein Arzt Dr. Löwenstein, der deutsch verstand, hatte sich schon auf die Aufforderung des Dr. Mengele hin gemeldet. Beide Herren, die sich zunächst in der Gruppe der Ärzte befunden hatten, schickte Dr. Mengele auf die andere Seite. Auch die Zeugin Sa. wollte die Fahrgelegenheit wahrnehmen, da sie sich sehr müde fühlte. Die Zeugin Böh. bestand jedoch darauf, zu Fuss zu gehen. Deswegen gab es noch zwischen ihr und ihrer Tochter einen kleinen Streit. Die Zeugin Böh. wurde von Dr. Mengele, der offenbar den Disput zwischen den beiden Zeuginnen gehört hatte, gefragt, wie alt sie sei. Die Zeugin gab ihr Alter an, wobei sie sich einige Jahre jünger machte. Dr. Mengele erklärte daraufhin, dann könne sie laufen. Beide Zeuginnen wurden später in das Lager aufgenommen.