Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.633

nicht unerheblich über den Einzelstrafen liegt. Das Schwurgericht hielt eine Gesamtstrafe von 7 Jahren Zuchthaus für eine angemessene Sühne.

 

N. Die Straftaten des Angeklagten Dr. Capesius

 

I. Der Lebenslauf des Angeklagten Dr. Capesius

 

Der Angeklagte Dr. Capesius ist am 7.2.1907 als Sohn eines Arztes, der ausserdem eine Apotheke besass, in Reussmarkt/Kreis Hermannstadt (Rumänien) geboren. Er besuchte in Reussmarkt die Volksschule und das Gymnasium, an dem er im Jahre 1925 das Abitur (Rumänisches Baccalauriat) bestand. Anschliessend studierte er in Klausenburg Pharmazie. Im Jahre 1931 wurde er zum rumänischen Militärdienst eingezogen. Vom 1.5. bis 30.5.1931 machte er einen Sanitätskursus mit und wurde dann beim rumänischen Heer als Apotheker eingesetzt. Am 1.10.1931 wurde er zur Fortführung seines Studiums nach Wien beurlaubt, wo er am 28.10.1933 promovierte. Am 2.2.1934 begann er eine dreimonatige Ausbildung als wissenschaftlicher Propagandist für das deutsche Werk Bayer-Leverkusen (IG-Farbenindustrie). Anschliessend war er als wissenschaftlicher Propagandist für die IG-Farbenindustrie, die in Rumänien eine Tochtergesellschaft besass, tätig. Er besuchte in dieser Eigenschaft Ärzte, und bot die Bayer-Pharmazeutischen-Präparate an. Nach dem Wiener Schiedsspruch (1938) ging der Angeklagte nach Bukarest. 1941 und 1942 war er beim rumänischen Heer als Apotheker. Er leitete eine Kriegsspitalapotheke. Am 24.1.1942 wurde er zum Hauptmann und einige Zeit später - wie er angibt - zum Major befördert.

Nach dieser Militärdienstzeit im rumänischen Heer ging der Angeklagte wieder zu seiner Firma zurück und war weiter als Propagandist tätig.

 

Auf Grund eines Abkommens zwischen Deutschland und Rumänien wurde der Angeklagte im August 1943 zur deutschen Wehrmacht nach Wien eingezogen. Von dort musste er sich bei dem Sanitätszeugmeister und General der Waffen-SS Dr. Karl Blumenreuter in Berlin melden. Er wurde von diesem nach Warschau zur Aussenstelle des Zentralsanitätslagers kommandiert. Dort wurde er einen Monat in der verwaltungsmässigen Apothekerarbeit für die Waffen-SS ausgebildet. Von Warschau wurde er dann wieder nach Berlin zurückbeordert und am 24.9.1943 nach Dachau kommandiert, wo er in der Apotheke als Vertreter des Chefs, der sich an der Front bewähren sollte, eingesetzt wurde. Am 10.2.1944 musste sich der Angeklagte erneut in Berlin melden. Dr. Blumenreuter erklärte ihm, der Apotheker des KL Auschwitz, Dr. Krömer, sei erkrankt und er - Dr. Capesius - solle ihn vertreten. Der Angeklagte trat am 12.2.1944 seinen Dienst in Auschwitz als Apotheker an.

Der Angeklagte war nach seiner Übernahme in die SS, entsprechend seinem Dienstgrad bei dem rumänischen Heer, am 1.8.1943 zum Hauptsturmführer befördert worden. Am 9.11.1944 wurde er in Auschwitz zum SS-Sturmbannführer befördert. Er blieb in Auschwitz als Apotheker bis zur Evakuierung des Lagers im Januar 1945.

Am 18.1.1945 verliess der Angeklagte mit anderen SS-Angehörigen und einigen Häftlingen das Lager Auschwitz mit einem Sanka um sich nach Berlin abzusetzen. Er erreichte Berlin und meldete sich bei dem SS-Sturmbannführer Dr. Lolling. Dieser schickte ihn zu dem KZ Mauthausen. Da dort bereits ein Apotheker war, kehrte der Angeklagte wieder nach Berlin-Oranienburg zurück. Er übte jedoch keine dienstliche Tätigkeit mehr aus.

 

Gegen Kriegsende geriet er in Schleswig-Holstein in englische Kriegsgefangenschaft. Er wurde in das KZ Neuengamme zur Überprüfung gebracht. Am 23.5.1946 wurde er aus der englischen Kriegsgefangenschaft entlassen. Er ging nach Stuttgart, wo er in der Bismarckstrasse 48 unter seinem richtigen Namen wohnte und polizeilich gemeldet war. Da er wegen seiner SS-Zugehörigkeit zunächst keine Anstellung finden konnte, studierte er Elektrotechnik an der Technischen Hochschule in Stuttgart. Bei einem Besuch in München im Juli 1946 wurde er von einem früheren Häftling des Konzentrationslagers Auschwitz wiedererkannt, durch die amerikanische Militärpolizei verhaftet und in ein Gefängnis in München eingeliefert. Nach etwa 6 bis 8 Wochen Haft kam er in das Lager Dachau und am 18.12.1946 in das Lager Ludwigsburg. Am 2.8.1947