Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.626

Ros. aus seinen Besuchen auf Block 31 bekannt war. Im übrigen steht nicht fest, ob die Sichtverhältnisse bei dem Experiment so gut gewesen sind, wie während der Beobachtungszeit des Zeugen Ros. Der Zeuge Ros. hat den Angeklagten Dr. Frank auch während eines längeren Zeitraumes beobachten können, während als Gericht die drei Personen nur kurze Zeit betrachtet hat.

Zieht man noch in Betracht, dass der Angeklagte Dr. Frank selbst zugegeben hat, mindestens zehnmal bei der Abwicklung von RSHA-Transporten auf der Rampe gewesen zu sein und dass seine Einlassung - wie oben ausgeführt - nur als "Ersatzmann" eingeteilt gewesen zu sein, nur eine unglaubhafte Schutzbehauptung ist, so erscheint die Aussage des Zeugen Ros. voll glaubhaft und die Möglichkeit einer Verwechslungsgefahr scheidet aus.

 

Die Feststellung, dass der Angeklagte Dr. Frank mindestens einmal auch Dienst an der Gaskammer gemacht hat, beruht ebenfalls auf der Aussage des Zeugen Ros. und der glaubhaften Aussage der Zeugen Philipp Mü. und Pa.

Der Zeuge Ros. hat glaubhaft bekundet, dass der Angeklagte Dr. Frank einmal im Sanka hinter einer Kolonne jüdischer Menschen, die nach der Selektion von SS-Posten begleitet und zu der Gaskammer geführt worden seien, zur Gaskammer gefahren sei.

Auf dem Gelände des Krematoriums wurde der Angeklagte Dr. Frank, als jüdische Menschen in die Gaskammern hinein geführt worden sind, einmal von dem Zeugen Pa. gesehen. Allerdings konnte dieser Zeuge nicht feststellen, was der Angeklagte Dr. Frank dort gemacht hat. Wie bei der Erörterung der Straftaten des Angeklagten Dr. L. bereits ausgeführt worden ist, musste bei der Tötung von Menschen in den Gaskammern stets ein Arzt dabei sein. Die Ärzte kamen - wie der Zeuge Pa. glaubhaft bekundet hat - meist mit dem Rote-Kreuz-Wagen zur Gaskammer gefahren. Aus der Tatsache, dass Dr. Frank nach einer Selektion mit diesem Wagen hinter den zu tötenden Menschen zur Gaskammer gefahren ist, hat das Gericht die Überzeugung gewonnen, dass der Angeklagte Dr. Frank in diesem Fall den vorgeschriebenen Gaskammerdienst, wie er bei der Erörterung der Straftaten des Angeklagten Dr. L. näher beschrieben worden ist, versehen hat. Denn es ist nicht ersichtlich, was der Angeklagte Dr. Frank unter den gegebenen Umständen anders bei der Gaskammer hätte machen sollen. Wenn auch der Angeklagte Dr. Frank nur Zahnarzt gewesen ist, so schliesst das nicht aus, dass er auch zum Gaskammerdienst befohlen worden ist. Denn auch der Selektionsdienst war an sich ursprünglich nur Angelegenheit der Ärzte, weil man offenbar davon ausging, dass nur sie den körperlichen Zustand und die Arbeitstauglichkeit der Menschen feststellen könnten. Gleichwohl wurden die Zahnärzte und Apotheker ebenfalls hierfür eingeteilt, als die Ärzte für den Selektionsdienst nicht mehr ausreichten. Daher erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass man sie auch zum Gaskammerdienst eingeteilt hat, wenn keine Ärzte zur Verfügung standen.

 

Welche Tätigkeit die Ärzte bei den Gaskammern zu verrichten hatten, ist bereits bei der Erörterung der Straftaten des Angeklagten Dr. L. unter L. III. ausgeführt worden. Hierauf kann daher Bezug genommen werden. Wenn auch kein Zeuge gesehen hat, was der Angeklagte Dr. Frank während dieses Gaskammerdienstes getan hat, so hat das Gericht keinen Zweifel, dass er die Tätigkeit, die zu diesem Dienst gehörte, auch verrichtet hat. Der ärztliche Dienst an der Gaskammer war genau vorgeschrieben. Das ergibt sich auch aus den Aufzeichnungen des Lagerkommandanten Höss. Ohne die unter II. geschilderten Handlungen des Angeklagten Dr. Frank wäre eine reibungslose Durchführung der Vernichtungsaktion nicht möglich gewesen. Denn die Desinfektoren schütteten das Gas - wie der Angeklagte Kaduk in der Sitzung vom 3.5.1965 glaubhaft bekundet hat - nur auf ein Zeichen des Arztes hin durch die Einfüllöcher in die Gaskammer hinein. Auch die Öffnung der Gaskammer erfolgte erst, nachdem der Arzt das Zeichen hierfür gegeben hatte.

 

Da der Angeklagte Dr. Frank den Selektionsdienst im Sommer 1944 verrichtet hat, konnte mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass von den sechs RSHA-Transporten, bei deren Vernichtung er mitgewirkt hat, mindestens je tausend Menschen getötet worden sind. Es gilt hier das gleiche, was bereits bei dem Angeklagten Dr. L. und anderen Angeklagten für die Transporte im Sommer 1944 ausgeführt worden ist.