Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.623

Angeklagte Dr. Frank wie folgt eingelassen:

Im Frühjahr 1944 sei er zu einer Besprechung sämtlicher Ärzte, Zahnärzte und Apotheker zu Dr. Wirths bestellt worden. Dieser habe ihm eröffnet, dass in Zukunft sehr viele Transporte ankämen und daher die Ärzte den Rampendienst voraussichtlich nicht mehr allein bewältigen können. Daher würden von jetzt ab neben einem SS-Arzt sämtliche Zahnärzte und Apotheker abwechselnd als "Ersatzleute" für den Rampendienst eingeteilt werden. Er - der Angeklagte - sei zwei bis drei Tage nach dieser Besprechung bei Dr. Wirths vorstellig geworden, um vom Rampendienst befreit zu werden. Er habe ihm erklärt, dass der Rampendienst keine Aufgabe für Zahnärzte sein könne. Als Zahnarzt könne er nicht erkennen, ob jemand arbeitsfähig sei oder nicht. Er habe Dr. Wirths auch gesagt, dass er von Auschwitz weg wolle. Dr. Wirths habe jedoch erwidert, es sei Befehl von Berlin und er müsse auf jeden Fall mit auf die Rampe. Der Dienst in einem KZ sei Frontdienst, jede Weigerung werde als "Fahnenflucht" bestraft.

Er sei dann in der Folgezeit etwa zehnmal zum Rampendienst eingeteilt worden. Auf Grund dieser Einteilung sei er auch etwa zehnmal zur Rampe hingefahren, wenn RSHA-Transporte angekommen seien. Zweimal habe er auch Nachtdienst auf der Rampe gemacht.

 

Wenn er in diesen Fällen auf die Rampe gekommen sei, hätten die jüdischen Menschen bereits in Marschblöcken gestanden. Sie seien dann von einem Arzt und anderen SS-Führern selektiert worden. Er selbst habe nicht selektiert. Dies sei nicht nötig gewesen. Denn er sei auf dem Dienstplan stets nur als Ersatzmann neben einem Arzt eingeteilt worden. Als Ersatzmann hätte er nur einspringen brauchen, wenn der eingeteilte Arzt aus irgendeinem Grunde ausgefallen wäre. Dieser Fall sei jedoch nie eingetreten. Auf der Rampe habe er sich nur um die Zahnärzte und Dentisten gekümmert, die mit den RSHA-Transporten angekommen seien. Er habe sie aus den Transporten herausgesucht und habe sie dem Schutzhaftlagerführer und dem Arbeitsdienstführer vorgestellt, damit sie in das Lager aufgenommen und dort eingekleidet würden. Häufig hätten sich auf seine Fragen auch Personen als Zahnärzte oder Dentisten gemeldet, die es gar nicht gewesen seien. Diese habe er später irgendwo eingesetzt. Auch habe er das zahnärztliche Material, das von jüdischen Zahnärzten und Dentisten mitgebracht worden sei, sichergestellt. Damit hätte er im gesamten Lagerbereich etwa 25 bis 30 Häftlingszahnstationen eingerichtet. Meist habe er sich auf der Rampe nur eine halbe Stunde bis eineinhalb Stunden aufgehalten. Häufig sei er vor Beendigung der Selektionen weggegangen. Zu den Krematorien sei er nie mitgegangen. Auch habe er nie das Einwerfen des Gases überwacht. Im übrigen sei er auch noch ohne Einteilung etwa zehn- bis fünfzehnmal auf die Rampe gegangen, um Zahnärzte und Dentisten aus den angekommenen RSHA-Transporten herauszusuchen und zahnärztliches Material sicher zu stellen.

 

Die Einlassung des Angeklagten Dr. Frank, er sei nur als "Ersatzmann" zum Rampendienst eingeteilt worden, ist - ausser von dem Angeklagten Dr. Sc. - von keinem Angeklagten und von keinem Zeugen bestätigt worden. Auch der Angeklagte Dr. Capesius, der nur als Apotheker und nicht als Arzt im KL Auschwitz gewesen ist, hat nicht bestätigt, dass die Zahnärzte und Apotheker nur als "Ersatzleute" eingeteilt worden seien. Er hat sich vielmehr dahin eingelassen, dass Dr. Wirths bei der Besprechung im Frühjahr 1944 erklärt habe, in Zukunft müssten auch die Zahnärzte und Apotheker zum Rampendienst herangezogen werden, da die Transporte sehr angeschwollen seien und die Ärzte Hilfe brauchten. Er hat auch zugegeben, dass er selbst ebenfalls zum Rampendienst eingeteilt worden sei. Allerdings behauptete er - was noch bei der Erörterung seiner Straftaten auszuführen sein wird - dass stets der mit ihm befreundete Dr. Klein für ihn den Selektionsdienst übernommen habe, wenn er zum Rampendienst eingeteilt gewesen sei (was allerdings - wie noch auszuführen sein wird - nur eine Schutzbehauptung ist). Damit hat der Angeklagte Dr. Capesius eingeräumt, dass er nicht nur als Ersatzmann eingeteilt worden ist. Denn sonst hätte er dies geltend gemacht und hätte sich nicht auf die Übernahme des ihm befohlenen Selektionsdienstes durch einen anderen zu berufen brauchen.

Der Angeklagte Kaduk hat in der Sitzung vom 3.5.1965 glaubhaft erklärt, man habe,