Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.622

Minsk und bis Februar 1943 bei der SS-Zahnstation in Wewelsburg als Zahnarzt tätig. In Wewelsburg wurde der Angeklagte im Januar 1943 zum SS-Obersturmführer befördert.

Am 28.2.1943 wurde der Angeklagte in das Konzentrationslager Auschwitz versetzt. Hier fand er zunächst Verwendung als zweiter Zahnarzt. Im Sommer 1943 wurde er leitender Zahnarzt. Während seiner Tätigkeit in Auschwitz wurde er zum SS-Hauptsturmführer (Juni 1944) befördert.

 

Am 15.August 1944 wurde der Angeklagte als leitender Zahnarzt nach KZ Dachau versetzt, wo er bis zum 10.11.1944 blieb. Anschliessend wurde er noch in Ungarn bis zum Kriegsende eingesetzt. Er geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er im Januar 1947 entlassen wurde. Von der Spruchkammer in München wurde er als Mitläufer eingestuft. Er nahm seine frühere Tätigkeit als Zahnarzt in Stuttgart - Bad Cannstatt wieder auf.

Der Angeklagte hat am 17.12.1934 geheiratet. Aus der Ehe sind zwei - inzwischen volljährig gewordene - Kinder hervorgegangen.

Der Angeklagte Dr. Frank ist während der Hauptverhandlung auf Grund des Haftbefehls des Schwurgerichts vom 5.10.1964 am gleichen Tage verhaftet worden. Er befindet sich seit dieser Zeit in Untersuchungshaft.

 

II. Die Mitwirkung des Angeklagten Dr. Frank an der Massentötung jüdischer

Menschen in Auschwitz

(Tatsächliche Feststellungen)

 

Der Angeklagte Dr. Frank hat ebenfalls an der Massenvernichtung von RSHA-Transporten mitgewirkt.

Er wurde nach der bereits erwähnten Ärztebesprechung bei Dr. Wirths im Frühjahr 1944 ebenso wie die SS-Ärzte zum sog. Rampendienst eingeteilt. Wenn er eingeteilt war, begab er sich wiederholt nach der Ankunft von RSHA-Transporten auf die Rampe und selektierte dort die angekommenen jüdischen Männer und Frauen über 16 Jahre, die nicht schon vorher wegen Krankheit, Gebrechlichkeit oder zu hohen Alters von den niederen SS-Dienstgraden ausgesondert worden waren. Er bestimmte mit einer Handbewegung darüber, wer von ihnen als arbeitsfähig in das Lager aufzunehmen und wer durch das Gas zu töten sei. Diesen Selektionsdienst hat er mindestens fünfmal am Tage bei fünf verschiedenen RSHA-Transporten versehen. Mindestens einmal hat er auch in der Nacht einen RSHA-Transport selektiert. Von diesen sechs Transporten sind jeweils mindestens tausend Menschen in die Gaskammern verbracht und dort durch Zyklon B getötet worden. Der Angeklagte Dr. Frank ist auch mindestens einmal nach einer durchgeführten Selektion zu der Gaskammer hingefahren und hat dort Dienst während der Tötung der in der Gaskammer eingeschlossenen Menschen gemacht, d.h. er hat den Desinfektoren das Zeichen zum Einwerfen des Gases gegeben, nachdem die Gaskammer verriegelt worden war. Dann hat er nach dem Einschütten des Zyklon B den Todeskampf der in der Gaskammer eingeschlossenen Opfer beobachtet und schliesslich das Zeichen zum Öffnen der Gaskammer gegeben. Nach der Öffnung der Gaskammer hat er sich von dem Tod der Opfer überzeugt und ihre Leichen für die Verbrennung freigegeben.

Der Angeklagte Dr. Frank wusste, dass die jüdischen Menschen nur wegen ihrer Abstammung als Angehörige einer sog. minderwertigen Rasse unschuldig getötet wurden. Er war sich auch darüber im klaren, dass er durch den Selektionsdienst und den Dienst an der Gaskammer die Vernichtungsaktionen förderte.

 

III. Die Einlassung des Angeklagten Dr. Frank, Beweismittel, Beweiswürdigung

 

Die Feststellungen zum Lebenslauf des Angeklagten Dr. Frank beruhen auf seiner Einlassung, einem von ihm im Jahre 1939 geschriebenen handschriftlichen Lebenslauf sowie der für ihn angelegten SS-Führerkarte. Die beiden Urkunden wurden durch Verlesung zum Gegenstand der Verhandlung gemacht.

 

Zu dem ihm durch den Eröffnungsbeschluss gemachten Schuldvorwurf hat sich der