Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.616

"er mache die Auschwitzer Methoden (in Ravensbrück) nicht mit".

 

Demgegenüber hat kein zuverlässiger Zeuge bekundet, dass sich der Angeklagte Dr. L. im KL Auschwitz bzw. Birkenau anders als von den obengenannten Zeugen geschildert, verhalten hätte. Ausser den bereits oben erwähnten Zeugen, deren Aussagen dem Gericht nicht zuverlässig erschienen, hat noch der Zeuge Mir. den Angeklagten Dr. L. belastet. Er will ihn einmal auf dem Lagerabschnitt B III (Lager Mexiko) dabei beobachtet haben, wie er nackte Frauen selektiert habe. Das Gericht konnte jedoch nicht die sichere Überzeugung gewinnen, dass der Zeuge den Angeklagten Dr. L. nicht mit einem anderen SS-Arzt oder SS-Führer verwechselt hat. Der Zeuge hat bei der Gegenüberstellung mit dem Angeklagten auf Dr. L. gezeigt und etwas unsicher gemeint, er wisse nicht, ob das L. sei oder nicht. Erst anschliessend hat er behauptet, er habe ihn beim Selektieren im Lager Mexiko gesehen. Den Namen "L." habe er damals von Häftlingen erfahren.

 

Zunächst kann nicht ausgeschlossen werden, dass die anderen Häftlinge, die dem Zeugen den Namen "L." genannt haben, irrtümlich einen anderen SS-Führer als den Dr. L. bezeichnet haben. Das Gericht hat keine Möglichkeit zu überprüfen, ob die anderen Häftlinge einwandfrei den Dr. L. gekannt haben. Das erscheint nicht zweifelsfrei, weil das Lager Mexiko noch nicht fertig ausgebaut war und nur vorübergehend belegt worden ist. Die meisten Häftlinge, die sich auf diesem Lagerabschnitt aufhielten, blieben dort nur kurze Zeit.

Dass der Zeuge nach über zwanzig Jahren noch so genau den SS-Führer in seiner Erinnerung hat, den er nur einmal und zwar nur flüchtig gesehen haben kann - der Zeuge hat selbst nicht an der Selektion teilgenommen, sondern sie nur aus einer gewissen Entfernung (er gibt an aus 30 m) beobachtet -, dass er ihn heute irrtumsfrei wiedererkennen kann, erscheint sehr unwahrscheinlich. Dem vermeintlichen Wiedererkennen in der Hauptverhandlung kann daher kein Gewicht beigemessen werden. Der Zeuge war sich selbst auch nicht sicher, wie sich aus seiner Frage beim Anblick des Angeklagten Dr. L. ergibt.

Hiervon abgesehen musste der Zeuge, der zunächst gemeint hatte, dass unter den nackten Frauen auch arbeitsunfähige gewesen seien, die sicher liquidiert worden seien, auf näheres Befragen einräumen, dass er nicht sicher wisse, ob die Frauen für den Gastod oder für einen Transport ausgesucht worden seien.

 

Zusammenfassend ist daher festzustellen, dass der Angeklagte Dr. L. nach den übereinstimmenden Aussagen einer Reihe von Zeugen, insbesondere von früheren Häftlingsärzten, sich im Lager Auschwitz und Birkenau anständig, menschlich und hilfsbereit gegenüber allen Häftlingen - auch den jüdischen Häftlingen - verhalten hat und ihnen, soweit es in seiner Macht stand, geholfen hat. Die üblichen Selektionen arbeitsunfähiger und schwacher Häftlinge im Lager hat er während seiner Zeit unterbunden.

 

Bei dieser Einstellung und diesem Verhalten des Angeklagten Dr. L. im Lager ist der Schluss gerechtfertigt, dass er auch die Tötung der sog. RSHA-Juden abgelehnt und nur widerstrebend an den Vernichtungsaktionen teilgenommen hat.

Andererseits bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass der Angeklagte Dr. L. nur deswegen den Selektionsdienst und den Dienst an den Gaskammern verrichtet hat, um einer wirklichen oder vermeintlichen Gefahr für Leib oder Leben zu entgehen. Seine Einlassung, dass ihn der Kommandant von Birkenau, Kramer, in vier bis fünf Fällen hierzu gezwungen hätte, ist - wie oben im einzelnen ausgeführt - unglaubhaft. Dass er von seinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem Standortarzt Dr. Wirths, unter Drohung mit gegenwärtiger, auf andere Weise nicht abwendbarer Gefahr für Leib oder Leben zum Rampendienst befohlen worden sei, hat er selbst nicht behauptet. Er hat vielmehr eindeutig erklärt, dass Dr. Wirths ihm in krasser Form nicht gedroht habe.

 

Hiervon abgesehen, hat die Beweisaufnahme ergeben, dass es nicht die Art des Standortarztes Dr. Wirths gewesen ist, seine ihm untergeordneten Ärzte zum Rampendienst zu zwingen. Nach der glaubhaften Aussage des Zeugen Dr. M. hat sich einmal ein Arzt namens Delmotte geweigert, den Selektionsdienst auf der Rampe zu versehen. Delmotte